Johann Gabriel Seidl

Lenzkommando

1.

Wer da? — »Der Lenz!« — Der Lenz? Gut' Freund!
Das ist der rechte Mann,
Wenn der in vollem Schmuck erscheint,
Dann fängt die Lust sich an.

Ein blanker Helm bedeckt sein Haupt
Mit hellem Purpurband;
Den hat er reich mit Grün belaubt,
Des Lebens sichrem Pfand.

Auch seine Uniform ist grün,
Gestickt mit Sonnenflaum,
Und himmelblaue Veilchen blüh'n,
Als Aufschlag, um den Saum.

Ein blanker Säbel nebenbei
Mit goldnem Portepee,
Der haut des Eises Deck' entzwei,
Der streift hinweg den Schnee.

Fürwahr ein wackrer Offizier,
Der keinen Gegner scheut,
Und, unter siegendem Panier,
Sich manchen Sieg's erfreut.

Ja selbst mein Liebchen gönn' ich ihm,
Er mög' ihm höfelnd nah'n;
Sein liebevoller Ungestüm
Bereitet mir die Bahn.

2.

Halt, sag' ich, halt, nicht weiter!
Nun steht die Fronte da.
So mutig und so heiter,
Wie man sie lang nicht sah.

Der Lenz will Mustrung halten,
Schon sprengt er glänzend vor,
Und läßt die Fahn' entfalten,
Und überblickt sein Korps.

Sie sind es alle wieder,
Die Helden seiner Zeit,
Voll Jugendkraft die Glieder,
Der Blick voll Fröhlichkeit.

Die Roten und die Blauen,
Die Kämpfer groß und klein,
Die Reiter für die Auen,
Die Jäger für den Hain.

Die flüchtigen Kuriere,
Die er in Lüften braucht;
Die Schar der Pontoniere,
Die in die Fluten taucht.

Die muntren Musikchöre
Mit lautem Sang und Klang,
Damit die Welt es höre,
Wenn er den Sieg errang.

»Brav,« ruft er, »brav, Soldaten!
Nun wacker dran und drauf!«
Schon floh, eh' wir noch nahten,
Der Feind im vollsten Lauf!

3.

Marsch!< du Schnee aus Ritz' und Ecke,
Wo du dich verbirgst vor'm Lenze,
Der dir auf die weiße Decke
Stickt die bunten Blumenkränze.

Marsch!< du Nord aus deinen Klüften,
Wo du liegst mit matten Schwingen,
Unvermögend, all' das Düften,
Weh'n und Kosen zu bezwingen.

Marsch!< ihr Wolken, rost'ge Flecken
Auf des Himmels blauem Schilde,
Sollt uns länger nicht verstecken
Seines Wappens Glanzgebilde!

Marsch!< Ihr kurzgemessnen Tage,
Und ihr langgedehnten Nächte,
Tag und Nacht auf gleicher Waage
Wägt der Frühling, der gerechte!

Marsch!< ihr kargen Stubensonnen,
Ihr Kamin' und Girandolen!
Seht den Lenz, aus andren Bronnen
Weiß er Wärm' und Licht zu holen!

Marsch!< ihr kühlen Frostgedanken,
Eisesblüten, dürre Reben!
Frische Lenzgefühle ranken
Sich um's Herz mit üpp'gem Leben.

Marsch!< — die Tore stehen offen,
Der Entsatz ist angekommen,
Und er wird mit frohem Hoffen,
In die Festung aufgenommen!

4.

Schlagt an! Es gibt ein Freudenschießen,
Es gilt das Wiegenfest des Mai's,
Die Luft ist blau, die Blumen sprießen,
Die Welt ist voll von seinem Preis.

Schlagt an! — Die laute Salve klinge
Durch Tal und Berge, donnernd, fort,
In jedes Herz der Erde dringe
Das freundliche Verkündungswort.

Schlagt an! die lieben Lerchen schlagen,
So gut sie können, auch schon an,
Und schießen froh empor, und tragen
Die Freudenbotschaft himmelan.

Schlagt an! Ja schlagt an eure Herzen,
Denn Gram ist Sünde, sagt der Mai;
Macht von der Sündenlast der Schmerzen
Das Herz durch Frühlingsjubel frei!

5.

Kniet nieder zum Gebet!
Aus tausend Blumen blüht und schimmert,
Aus tausend Tropfen glüht und flimmert,
Aus Lüften klingt, aus Düften weht
Der Erde Dankgebet.

Kniet nieder zum Gebet!
Laßt uns das Herz zu Gott erheben,
Der uns den Lenz zum Pfand gegeben,
Das Totes wieder aufersteht,
Sobald sein Odem weht.

Kniet nieder zum Gebet!
Was heute welkt, wird morgen sprießen,
Was heut gestockt, wird morgen fließen,
Und wo der Schnitter heut gemäht,
Wird morgen neu gesä't.

Kniet nieder zum Gebet!
Verwandlung ist das Los der Erde,
Und jeder Todeswink ein Werde,
Und über jedem Grabe steht:
»Verwandelt, — nicht verweht!«

6.

Bei Fuß! Nun raste Jeder aus,
Und trockne sich den Schweiß,
Und sammle Mut zu neuem Strauß,
Und Kraft zu neuem Fleiß.

Bei Fuß! Die große Pause kam,
Die Feierstund' im Jahr,
Die Freude naht, und reicht dem Gram
Die volle Schale dar.

Bei Fuß! Nun labt euch Mund und Herz
Durch einen durst'gen Zug,
Sie hat an Liebe, Lied und Scherz
Für eine Welt genug!

Bei Fuß! Nun schnürt die Bündel aus,
Und werft, was drückt, bei Seit';
Nun laßt den Kehlen freien Lauf:
Der Kluge nützt die Zeit.

Bei Fuß! — Nun hört, bei Klang und Schall,
Des Lenzes Märchen zu:
Befürchtet keinen Überfall,
Er hält auf Waffenruh'.

Bei Fuß! Genießt den schönen Traum,
Den Alles träumt umher;
Denn plötzlich, man versieht sich's kaum,
Heißt's wieder: »In's Gewehr!«