Johann Gabriel Seidl

Die Schule der Liebe

Fort aus meinem Kopf und Herzen,
Was ich je gelernt, gewußt,
Jede Richtung dieses Geistes,
Jede Neigung dieser Brust!

Rein soll meine Seele strahlen,
Wie ein unbeschriebnes Blatt,
Das die erste Schrift des Lebens
Hoffend zu empfangen hat!

Und die erste Schrift des Lebens
Soll dann Liebe, Liebe sein,
Liebe präg' in alle Tiefen
Meines Inneren sich ein!

Wie ein Kind mich dann erziehen
Laß ich, Kind, von deiner Hand,
Läutern mir von dir und leiten
Phantasie, Gemüt, Verstand!

Sprechen lehre mich, doch sprechen,
Was wie du, wie von dir klingt,
Was aus deinem Herzen kommend
Wieder dir zum Herzen dringt!

Lesen lehre mich, doch lesen,
Was dein Aug' mit Blicken schreibt,
Was auf deinen Lippen Allen,
Außer mir, unlesbar bleibt!

Zählen lehre mich, doch zählen,
Wie viel Küsse man bedarf,
Um in Liebe zu vereinen,
Was ein kleiner Streit zerwarf!

Lehre mich die Erdbeschreibung
Jener Welt, die Liebe heißt:
Lehre mich durch deinen Glauben
Deiner Andacht frommen Geist!

Lehr' mich, was du weißt und fühlest,
Halt' mich streng und fordre viel,
Dein geringstes Beifallslächeln
Macht das Schwerste mir zum Spiel.

Andre, leite, rat' und adle,
Bis ich neu und besser bin; —
Und ist dir dein Werk gelungen,
O so nimm es schonend hin!