Johann Gabriel Seidl

Schlußgefühl

In Gottes freiem Dome
Stand ich, — sie stand bei mir,
Wie floß in süßem Strome
Die Lust zu mir, zu ihr!

Wir beide nur, — kein Dritter,
Kein Lauscher rings herum;
Das dichte Laubgegitter
Ein sich'res Heiligtum!

Wir schlingen Hand' in Hände,
Es stockt der Rede Fluß;
Wir küssen ohne Ende
Nur einen einz'gen Kuß.

Wir stürmen bald im Spiele,
Bald ernst, wie es sich gab,
Die Leiter der Gefühle
Beseligt auf und ab.

Wir fragen nichts nach andern,
Wir kennen keine Welt:
Es ist uns, wie zu wandern
Auf einem stillen Feld.

Da hören wir plötzlich es rauschen,
Wir müssen Gesellschaft seh'n;
Wir müssen die Rollen vertauschen
Und höflich entgegen geh'n!

Da spricht man vom Wind und Wetter,
Und was man dergleichen sagt;
Und wie sich die zarten Blätter
So früh schon hervorgewagt.

Wir müssen Bücklinge machen,
Und tun, als täten wir's gern;
Wir müssen vom Herzen belachen
Die Späße der Damen und Herrn.

Wir müssen uns noch bedanken,
Daß man uns in Wägen verteilt,
Und scherzend, in üppigem Schwanken,
Dem Zimmer entgegen eilt. — —

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Und zu Haus nun angekommen
Wieder endlich teilt es sich;
Auf sie blick' ich stillbeklommen, —
Kluges Kind, verstehst du mich?

Sie versteht mich, ja — ich fühl' es,
Doch sie säumt noch, weil sie klug,
Bis die Modesucht des Spieles
Draußen All' in Fesseln schlug.

Dann zu mir, zu mir in's Zimmer
Schlüpft sie wieder, sel'ge Lust!
Ihre Blicke — welcher Schimmer,
Welcher Aufruhr — meine Brust!

Träume Süßer Zukunft wehen
Durch das Dunkelklar uns an,
Bis die Augen übergehen,
Sich der Mund nicht halten kann!

Hohn, Gutmütigkeit, Verachten
Aller Lauscher bricht da los;
Säh' uns jetzt die Welt, — wir lachten:
Sie ist klein und wir sind groß.

Wir sind groß — in uns'rer Liebe;
Sie in ihrem Spott ist klein;
Nur gemacht sind ihre Triebe,
Uns're goß ein Gott uns ein! —

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Und wieder wird das süße Band zerrissen,
Das uns so schön, doch ach so kurz vereint;
Zum Mahle schellt's; wir gehen, weil wir müssen,
Und ein Verseh'n mehr, als ein Frevel scheint.

Wir aber reden heimlich mit den Füßen,
Indes uns Jeder fremd einander meint;
Und formen kindisch, unter herben Schmerzen,
Aus Tropfen — Tränen, und aus Krumen — Herzen.

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Und gute Nacht nun heißt es
Der Abschied ist ein Blick;
Die Seelen aber reißt es
Mit Allgewalt zurück.

In Gottes freiem Dome
Steh' ich — und steh' allein,
Umrauscht vom Windesstrome,
Beglänzt vom Mondenschein.

Ich sehe zu den Sternen,
Die Sterne seh'n zu mir,
Als sollt' ich durch sie lernen,
Mich freuen, fern von ihr!

Ihr lieben holden Sterne
O gebt euch keine Müh':
Ich weiß, daß ich's nicht lerne,
Mich freuen ohne sie!

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Und in mein Zimmer tret' ich nun
Gedämpften Schrittes ein;
Die Meinen, die daneben ruh'n,
Sie horchen auf und lispeln nun
Sich leis in's Ohr: »Was mag er tun?
Ihm scheint nicht wohl zu sein.«

Mir ist nicht wohl — ihr Guten, ja —
Ihr seht mir in das Herz:
Ich war so froh, als ich ihr nah',
Als ich sie küßte, sprach und sah;
Und ach! von Allem blieb mir ja,
Nichts übrig, — als der Schmerz!