Johann Gabriel Seidl

Sehnsucht

Wenn dich mein Ohr nicht hören kann,
Mein Aug' dich nimmer sehen,
Dann fängt die süße Sehnsucht an,
Im Herzen aufzugehen.

Es ist ein eigener Genuß
Um dieses stille Bangen!
Wie flüchtig ist ein Liebesgruß,
Wie bald ein Blick vergangen.

Man glaubt sich drum nur gut zu sein,
Weil man sich sieht und höret,
Und bildet dies und das sich ein,
Was leicht die Wonne störet.

Man schickt auch die Gedanken fort.
Zu schweifen auf und nieder,
Und denkt: bei Liebchens Blick und Wort
Versammeln sie sich wieder.

Da hält die Sehnsucht treuer an,
Sie läßt sich nicht zerstreuen,
Sie will ihr Liebstes, wo sie kann,
Auffrischen und erneuen.

Sonst denkt sie nichts, sonst fühlt sie nichts,
Will sonst um nichts sich kümmern,
Und sieht in jedem Strahl des Lichts
Nur ihre Liebe schimmern.

Drum wenn von dir mich dann und wann
Die Sterne neidisch trennen,
Da fang' ich erst recht eigens an,
Mein eigen dich zu nennen!