Johann Gabriel Seidl

Regen und Sonnenschein

Nicht gram bin ich dem Regen,
Er ist ja Gottes Segen;
Nur wüßt' ich wieder gern
An manchem Tag ihn fern.

Der helle Sonnenschimmer
Entzückt das Herz mir immer;
Doch kommt so mancher Tag,
Wo ich ihn missen mag.

O könnt' ich's nach Belieben
Austeilen und verschieben,
Wann heller Sonnenschein,
Wann Regen dürfte sein!

Wenn mir die Liebe lächelt,
Ihr Odem mich umfächelt,
Ihr Blick, ihr Gruß entzückt,
Bin ich genug beglückt!

Was kann mir da begegnen?
Da mag es regnen, regnen,
Mag trüb, mag frostig sein:
In mir ist Sonnenschein!

Doch ist es in mir trübe,
Vergaß mich Lust und Liebe,
Pocht schwer des Herzens Schlag:
Dann sei ein heitrer Tag!

Für tränennasse Augen
Mag Regenzeit nicht taugen:
Hab' ich es innen nicht,
Dann brauch' ich außen Licht.