Johann Gabriel Seidl

Gärtner "Tod"

Einst setzte der Tod eine Pflanze
Auf einem Hügel sich ein;
Im ganzen Garten des Lenzes
Schien keine schöner zu sein.

Die Pflanze war ein Mägdlein,
Die Pflanze war mir lieb,
Und daß sie mir lieb gewesen,
Ich fühl' es, weil sie mir's blieb.

Der Tod, der emsige Gärtner,
Er war so treu bemüht,
Begoß sie täglich mit Tränen,
Bis sie ihm aufgeblüht.

Sie blühte so zart, so geistig,
So wehmutreich empor;
Ich stand, den Gärtner ahnend,
Oft ernst und sinnend davor.

Die Farben verschwammen immer
In milderes Ätherblau;
Auf zarteren Blättern wiegte
Sich immer klarer der Tau.

Sie neigte, gekost vom Weste,
Sich täglich mehr und mehr;
Ein Klingen, wie fernes Geläute,
Weht' um ihr Beetchen her. —

Und als ich kam eines Morgens,
Da war sie abgestreift;
Ich sagte: »Sie ist verblühet!«
Der Gärtner: »Sie ist gereift!«