Johann Gabriel Seidl

Die Obligation

Von meinen Eltern empfing' ich
Eine Obligation;
Sie war so groß, — ich versprach mir
Die reichsten Zinsen davon.

Und nahm ich drauf auch zu leihen,
Und setzt' ich sie auch aufs Spiel,
Kein Abzug war zu merken,
Sie lautet' auf gar so viel.

Und als die Knabenjahre
Versanken hinter mir,
Als träumend der Jüngling schwärmte,
Da wagt' ich es oft mit ihr.

Da schnitt ich, — es ist nicht zu leugnen,
Wohl manchen Coupon mir ab,
Und tauscht' ihn für kleine Münze,
Die sich so bald vergab.

Und als mein Vater gestorben,
Als manche Hoffnung erblich,
Als Menschen mich mißverstanden,
Als Groll mein Herz beschlich;

Als selbst nicht immer die Muse
Mich mehr dem Drang entnahm,
Da wollt' ich sie fast zerreißen,
Bis tröstend die Liebe kam.

Ihr hab' ich sie nun verschrieben,
Sie soll haushalten damit,
Bis einst sie ein großer Wechsler
Vernichtet mit einem Schnitt.

Wollt ihr sie, Freunde, kennen,
Die Obligation?
Es ist mein eigenes Leben,
Dies Lied — ein Prozentchen davon.