Johann Gabriel Seidl

Verschmähter Schmerz

Du blutest, Armer, und erfüllst mit Klagen
Den treuen Kreis, der tröstend dich umgibt,
Du meinst, es könne Niemand schwerer tragen,
Die größte Qual sei: Lieben ungeliebt!

Ich will nicht rechten, Freund, mit deinem Leide,
Denn Leid ist Leid, und Leid ist ehrenwert;
Doch wenn ich sage, daß ich dich beneide,
So sag' ich auch, was meine Brust beschwert.

Ich liebt' und ward geliebt; ich hab's genossen
Das süße Glück, das deine Brust nur ahnt;
Die goldne Pforte war mir aufgeschlossen,
Zu der du noch den Weg dir nicht gebahnt.

Ich warf den trunknen Blick in jenes Eden,
Und drohend steht der Dämon jetzt davor;
Spricht man von Schmerz, ich darf ein Wörtchen reden,
Du hast noch nicht gehabt, was ich verlor.

Schwer ist vermissen, doch verlieren schwerer,
Schmerz ist Entbehrung, doch Verlust ist Qual;
Im herbsten Schmerze will ich sein dein Lehrer,
Wo nicht, so komm', — ich lasse dir die Wahl!

Weil ich die Luft mit Jammer nicht erfülle,
Weil ich's verschließe vor der öden Welt,
Weil fester, als mein Kern, die grüne Hülle,
Glaubst du vielleicht, ich sei gar wohl bestellt!?

Wollt' ich es tun, gerecht mit lautem Munde
Könnt' ich verklagen meines Schicksals Lauf;
Du zeigst den Menschen offen deine Wunde,
Ich halte nur verschämt die Hand darauf.