Johann Gabriel Seidl

Freier und Gatte

Du hattest einen Freier, schöne Braut,
Er ist als Gatte dir nun angetraut;
Verkenne nicht den Freier, den du fandest,
Und nicht den Gatten, dem du dich verbandest.

Der muntre Freier war — der Liebestraum,
Er schwebt' um dich, gehüllt in Silberflaum,
Der Hoffnung Grün, der Freude Blumenglocken,
Der Sehnsucht Immergrün in seinen Locken.

Sein Kleid war —Morgenrot, sein Odem —Duft,
Sein Seufzen — Melodie, sein Zürnen — Lust,
Er tauchte seinen Pinsel stets in Wonne,
Und malte dir ein Land voll Schmelz und Sonne.

Dein Gatte, schöne Braut, — o blick' ihn an, —
Es ist das — Leben, gar ein ernster Mann;
In dunklem Mantel tritt er dir entgegen,
Du weißt nicht, ob er Fluch verbirgt, ob Segen.

Ein Blumenkranz umschlingt sein Haupt,— doch sind
Auch Totenglocken drunter, süßes Kind;
Sein Wort ist—kurz, gemischt aus Kraft und Milde,
Und seine Hand malt ernstere Gebilde.

Doch zage nicht, — viel steht in deiner Macht;
Denn herzlich ist sein Lachen, wenn er lacht,
Und süß sein Wort, wenn du es weißt zu mildern,
Und schöne Szenen steh'n auf seinen Bildern.

Es ist zuletzt nur Probe, — glaub' ihm's nicht,
Blick' ihm voll Lieb' und Zutrau'n in's Gesicht.
Zerreiße kühn der Ahnung düstren Schleier,
Und mache deinen Gatten dir zum Freier.