Johann Gabriel Seidl

Tagtraum

My eyes make pictures, when they are shut.
S.T.Colorigde

Nur meine Augen brauch' ich zuzudrücken,
So träum' ich oft bei Tage manchen Traum. —
So saß ich jüngst, umschwärmt von Frühlingsmücken,
Auf jungem Rasen unter'm Blütenbaum.

Wohlwollend schien die Sonn' auf mich, die Weste
Durchsäuselten erquickend mir das Haar,
Und manche Last, die mich seit langem preßte,
Schmolz mir wie Eis vom Herzen wunderbar.

Die Bächlein des Gefühl's, die Adern, hüpften
Mir wieder leichter, frei ward' Aug' und Ohr,
Und gaukelnde Erinnerungen schlüpften,
Gleich frisch entpuppten Faltern leis' hervor.

Gewiegt von stillem Wohlbehagen nickte
Ich mit dem Haupte, senkt' es nach und nach,
Schloß Aug' um Aug' nachgebend zu, und blickte
So still nach innen, träumend, — und doch wach.

Da überkam mich einer der Gedanken,
Die ich oft denk, und oft belächeln muß:
»Wie wär's, wenn plötzlich sänken all' die Schranken,
Die starr und spottend hemmen meinen Fuß?

Wenn all' die Band', ererbte wie erstrebte,
Freiwilliges wie aufgedrungnes Erz,
Abfielen plötzlich, und ich frei nun lebte,
Und sagen könnt': Hier ist mein ganzes Herz!

Wenn mir kein Schatten von Erinnrung bliebe,
Kein ferner Nachhall einer frühern Zeit;
Nicht eine Ahnung einst geliebter Liebe,
Nicht eine Spur von einst erlittnem Leid.

Wenn ich mit dem Bewußtsein meiner Freiheit,
Weltbürger, fessellos, voll Kraft und Mut,
Hinauslief in die Fremd', in weite Neuheit,
Fort über Berg und Tal und Eis und Flut.

Und wenn ich so vielleicht in blauer Ferne
Zuschifft' auf ein Atlantis, sehnsuchtsfrei,
Bestrahlt vom Schimmer unbekannter Sterne,
Von nichts zu nichts,— wie wäre mir dabei?

Zerspränge nicht von ungeheurer Leere
Mein ödes, armes, fesselloses Herz?
Sucht' es nicht Etwas auf dem weiten Meere,
Um sich daran zu binden, — einen Schmerz?

Nein— nein — laßt mir die Bande, die mich binden,
Ich will nicht frei, ich will gebunden sein:
So viele Fesseln dieses Herz umwinden,
Gerade so viel wert ist sich's allein!

Fort, böser Traum.« — Da öffnet' ich die Augen,
Der Tagtraum war entfloh'n, — wie war ich froh!
O süßer, heim'scher Lenz, du magst mir taugen!
Sei's, wie es sei, o wär's nur immer so!