Johann Gabriel Seidl

Nachklänge

1.

Es gibt gewisse Melodien,
Es gibt gewisse Lieder;
Wenn sie erklingen, muß ich flieh'n.
Sonst lockten sie mich wieder.

Sie klangen einst so mild und warm:
Es waren schöne Zeiten!
Nun sind sie an Bedeutung arm,
Ein leerer Schrei der Saiten.

Einst dacht' ich, was aus ihnen klang,
Das könne nie vergeben,
Das müsse, für dies Sein zu lang,
Einst mithinüberwehen!

Und Alles hat sich überlebt,
Und Alles ist verklungen,
Was wir getändelt und gestrebt,
Gesungen und' gerungen!

Sprich, Holde, liegt es wohl an mir,
Daß wir das Ziel nicht fanden?
Ich meine, Kind, es liegt an dir,
Du hast mich nicht verstanden!

Weil du gesucht, was ich nicht bin,
Hast du mich nicht gefunden;
Drum ist auch dieser Lieder Sinn
So schnell für uns verschwunden.

Daß ich noch wein' und du noch weinst,
Wenn ein's erklingt von ihnen,
Das macht, weil wir dabei doch einst
Etwas zu fühlen schienen!

2.

Du schicktest mir dein Stammbuch, als ein Zeichen,
Daß du nicht hassest, wenn du auch nicht liebst.
Hab' Dank für diese Großmut ohne Gleichen,
Kann ich gleich nicht erwidern, was du gibst.

Ich kau' an meiner Feder, sinn' und dichte
Was ich Verbindliches dir sagen soll;
Jedoch mein Herz macht jeden Vers zunichte:
Es ist zu leer mir, oder — ach! zu voll.

Will ich das Innigste dir liebend sagen,
So mahnt es mich, als sei die Zeit vorbei;
Will ich ein Blümchen dir zu bieten wagen,
So furcht' ich, daß ein Dorn daneben sei!

Drum nimm's zurück, das Blatt ist weiß geblieben,
Nicht weil ich deine Huld gering geschätzt,
Nein — denke, was ich liebend drauf geschrieben,
Hab' eine Träne wieder weggeätzt.

Was lieb sich hatte, schreibt sich in die Herzen,
Liebhaber schreiben sich in's Stammbuch ein:
Lieb hatt' ich dich, — ich fühl's an meinen Schmerzen,
Liebhaber wollt' und konnt' ich dir nicht sein!

3.

Denke dir, ich sei gestorben,
Und dies sei mein Testament,
Welches dir, was ich erworben
Und dir nun vermache, nennt.

Dir vermach' ich tausend Träume,
Ach wohl mehr noch — nimm sie hin,
Kinder sonnenheller Räume,
Wo ich nicht mehr heimisch bin.

Tausend Lieder, dir gesungen,
Jedes: Du im Widerschein,
Froh und trüb, wie sie erklungen,
Nimm sie hin, sie sind ja dein!

Hundert Briefchen, klein geschrieben,
Groß gefühlt, halb toll, halb klug,
Allzufrostig, übertrieben, —
Zum Zerreißen gut genug!

Hochgedanken, Segensplane,
Rührungen, — wer zählte sie?
Nimm den Tand, daß er dich mahne:
»Er war schwach, gemein doch nie!«

Dann ein Päckchen kleiner Sünden:
Küsse, — zahllos hingestreut,
Nimm sie, — Mancher wird sich finden,
Der dir einlöst, was dich reut.

Und so Manches noch — ach! Alles, —
Was ein Toter nicht mehr braucht;
Und was wert war des Verfalles,
Sei verfallen, sei verraucht.

Ein's nur kannst du, Kind, nicht haben,
Dieses Restchen, »Herz« genannt,
Denn das laß ich mir begraben,
In ein Fleckchen beßres Land.

Ist's verkümmert gleich und trocken,
Gottes Sonn' ist lind und lieb,
Ihre lauen Küss' entlocken
Oft der Gruft den schwächsten Trieb.

Und so sei's versucht im Harme,
Ob, wenn neu der Lenz erglüht,
Nicht vielleicht mein Herz, das arme,
Auch noch einmal treibt und blüht.

4.

Wer von der Heimat scheiden muß und will.
Hält dennoch oft auf seinem Wege still.
Und bleibt zurück und findet Trost daran,
Daß er sie noch vom Weiten sehen kann.

So lang der letzte Berg ihm nicht entschwand,
Träumt er sich noch hinein in's teure Land;
Er sieht's ja noch, und trieb' ihn Heimweh' hin,
In wenig Stunden wär' er wieder drin.

Jetzt steht er hoch an eines Berges Saum,
Dort ist die Heimat, — ach! er ahnt sie kaum,
Wirft seinen längsten, letzten Blick zurück,
Und ist noch einmal dort mit diesem Blick.

Und abwärts geht es, andre Lüfte weh'n.
Und fremde Berge sieht er vor sich steh'n,
Und fremde Berge ragen hinter ihm, —
Nun ist's vorbei, nun fort mit Ungestüm!

Ein Heimatloser irrt er durch die Welt,
Der Fels sein Bett, das Firmament sein Zelt,
Bis, wo er's nie geahnt und nie gedacht,
Ihm endlich wieder eine Heimat lacht. —

So ist es mir, da ich dich meiden muß,
Darum verzeih' den längern Scheidegruß;
Noch seh' ich dich vor meiner Seele steh'n,
Noch drängt es mich bisweilen, umzuseh'n.

Doch werd' auch ich wohl kommen an den Rand,
Wo Alles, was an dich erinnert, schwand,
Und ich mir denke, weil dein Bild erblich:
»Was ich nicht sehe, war nie da für mich!«

5.

Wie lieblich war die Quelle,
Wie lauschig war der Hain,
Wie sanft das Lied der Vögel,
Wie hell der Sterne Schein!
Wohin ich geh' und schaue,
Erinnerung an Glück;
Wohin ich geh' und schaue,
Stößt etwas mich zurück.

Wie lieblich war die Quelle!
So viel sie Wellchen hat,
Wir zählten sie mit Küssen,
Des Zahlens doch nie satt. —
Nun treibt es mich vorüber,
Du böse Quelle du;
Hör' auf, hör' auf, zu rauschen:
Es rauscht wie Spott mir zu.

Wie lauschig war das Wäldchen!
So viel es Blätter hat,
Wir zählten sie mit Schwüren,
Des Zählens doch nie satt. —
Nun treibt es mich vorüber,
Du böses Wäldchen du;
Hör' auf, hör' auf zu säuseln,
Du säuselst Spott mir zu!

Wie sanft die Vöglein sangen!
Es klang gar schön und fein;
Doch schien, was in uns tönte,
Weit schöner noch zu sein. —
Nun treibt es mich vorüber
Wo euer Liedlein klingt;
Hört auf, hört auf zu singen,
Denn Spott ist, was ihr singt!

Wie hell die Sternlein glänzten!
Sie glühten gar so rein;
Doch schien, was in uns glühte,
Weit reiner noch zu sein. —
Nun treibt es mich nach Hause,
Steht ihr am Himmelssaal;
Hört auf, hört auf zu glänzen,
Denn Spott ist euer Strahl!

6.

Gedenke mein! — doch nein — vergiß mich lieber!
Es mag das beste für uns beide sein;
Der Traum war schön, wirf einen Schleier drüber, —
Vergiß mich, Kind! — doch nein gedenke mein!

Gedenke manchmal noch der trauten Stellen,
Wo wir die Sonne sinken oft geseh'n,
Und uns gedacht: »Sie sinkt wohl in die Wellen,
Doch unsre Liebe wird nicht untergeh'n!«

Gedenke manchmal, wie wir, unter Scherzen,
Wetteifernd uns das Heimlichste vertraut;
Ein kleiner Winkel bleibt in jedem Herzen,
Den selbst der Blick der Liebe nicht durchschaut.

Gedenke, was wir oft gesagt von Andern:
»Sie lieben treu, doch treuer lieben wir!«
Siehst du sie dort noch Arm im Arme wandern,
Und aus der Ferne kommt mein Lied zu dir!

Gedenke manchmal, wer die Blümchen pflückte,
Die dein Gebetbuch birgt bei manchem Blatt!
Gedenke, wer sein blasses Bild dir schickte:
Die Farben waren nicht umsonst so matt.

Gedenke mein, wenn dich einst neue Liebe
Mit einem zweiten, ew'gen Netz umspinnt!
Gedenke mein, damit es nicht zerstiebe, —
Gedenke mein, — doch nein! — vergiß mich, Kind!