Johann Gabriel Seidl

Karneval

1.

Die Gassen rollt's geschäftig auf und nieder,
Auf allen Wegen wogt ein buntes Treiben,
Verworrne Klänge zittern hin und wieder.

Vorüberhuscht's an kerzenhellen Scheiben;
Und Herzchen pochen, Augen glüh'n, und Füße,
Die lässig ruhten, weigern sich zu bleiben.

Und ahnend ungekannte Hochgenüsse
Sitzt in der Stube still das junge Mädchen,
Sein Äuglein netzen heiße Tränengüsse.

Dem Nadelöhr entschlüpft das glatte Fädchen,
Denn andre Bilder sieht es vor sich schimmern,
Und ungeduld'ger läuft des Herzens Rädchen.

Hinträumt sich's in das Labyrinth von Zimmern,
Wohin die Mutter ging, hin zu den Wonnen,
Wo bei der Walzer Klang die Kerzen flimmern.

Wo unter all' den stolzen Schönheitssonnen
Es doch, so fühlt's, auch könnt' als Sternlein glänzen,
Und seufzt: »Ach! wär' die Kinderzeit verronnen!«

Den Kopf zerbrechend sich ob neuen Tänzen,
Ob wohlgestellten Reden, art'gen Mienen,
Entgegensehend frischen Siegeskränzen,

Steht ballgeschmückt der Jüngling, bis erschienen
Der Augenblick, zum Kampf ihn fortzutragen, —
Die Grazien beschwörend, ihm zu dienen.

Ein Ritter steht er, ohne Furcht und Zagen,
Umleuchtet von des Lebens Rosaglanze;
Was darf nicht er, der Sieggewöhnte, wagen?

Jetzt ist die Zeit, zu ringen nach dem Kranze;
Sein Leben ist ein Ball, ein Ball sein Leben,
Enträtselt liegt sein ganzes Ich im Tanze. —

Da sitzt ein Alter hinterm Ofen eben,
Und hört die Wagen rasch vorüberrollen,
Und denkt: »Ei, wie die Zeiten doch entschweben!

Vor zwanzig Jahren hätt' ich nicht so wollen
Am Ofen sitzen, — da war ich am Brete, —
Da trieb ich's anders, als die jungen Tollen.

Bescheiden ging's in sanftem Menuette,
Und süße Worte wehten da vom Munde,
Dieweil der Puder aus den Haaren wehte.« —

Der Dichter aber sitzt in später Stunde,
Den Karneval beschwörend aus den Sälen,
Und ab ihm fordernd tiefgeheime Kunde.

Von seinen Scherzen muß er ihm erzählen,
Und seinen Schalksernst vor das Aug' ihm führen,
Damit sich Jener mag sein Teil draus wählen.

Was Diese quält, was Andre froh verspüren,
Und was ein Dritter fühlt im Nachgenuße,
Davon läßt er daheim sich sanft berühren,
Und schwelgt sich ernst am süßen Freudenkusse.

2.

Kind, wenn du auch jedem Tänzer,
Der mit dir den Saal durchkreist,
Nur ein winzig kleines bißchen
Deiner Herzensgunst verleihst,
So erregt mir dies Verschenken
Doch ein mächtiges Bedenken!

Wenn ich der Beglückte wäre,
Den du dir ersähst zum Mann,
Neidisch mehr, als eifersüchtig
Säh' ich solch Begünst'gen an,
Überreich an Gunst erkennen
Müßt' ich, oder arm dich nennen.

Wenn ich überreich dich dächte,
Weil du Jedem etwas gibst,
Könnt' ich, als ein Mann, die Milde
Ja nicht fassen, die du übst;
Sehen müßt' ich's ohne Tücke,
Daß sie nicht bloß mich beglücke.

Dächt' ich mir an Gunst dich ärmer.
Wär' ich noch viel schlimmer dran;
Selbst das winzig kleinste Fünkchen
Säh' als einen Raub ich an;
Und dich also mild zu sehen
Machte mich vor Qual vergehen.

3.

Einst war ich mit meinem Liebchen,
Wie's Ehr' und Gewohnheit ist,
Auf einen Ball geladen,
Und zwar nach einem Zwist.

Sie war so reizend gekleidet,
Und ich so zierlich befrackt;
Wir setzten uns gradüber,
Und tanzten keinen Takt.

Bald griff sie an das Herzchen,
Als schnürt' ihr's etwas zu;
Bald holt' ich tiefer Atem,
Als fänd' ich keine Ruh'.

Das sah ein Menschenkenner,
Wie's deren viele gibt,
Die viel von Liebe wissen,
Wiewohl sie nie geliebt.

Der flog zur Frau vom Hause,
Und winkt' ihr auf uns hin:
»Nicht wahr, dem steckt das Mädchen
Gradüber dort im Sinn?

Ei, wie ich's gleich erraten,
Wie sie das Herzchen drückt,
Und wie er seufzt der Arme, —
Sie schmachten, ganz verzückt!«

Du schlechter Menschenkenner,
Wie falsch dein Aug' doch sah:
Wir haben wohl oft geschmachtet,
Doch minder nie, als da.

Sie hatt' ein enges Mieder,
Drum griff sie so oft an's Herz;
Ich hatte knappe Schuhe,
Drum seufzt' ich so oft aus Schmerz!

4.

Wir tanzten einst miteinander,
(Entsinnst du dich noch, mein Kind?)
Wir flogen hinauf und hinunter,
Als trüg' uns ein hebender Wind.

Da schien uns plötzlich der Walzer
In schwellendes Moll zu verweh'n,
Um in ein schmachtend Piano
Verhallend überzugeh'n.

Es war uns, als würden die Bögen
Nicht mehr von den Spielern geführt,
Als klängen die Geigen von selber,
Von hauchenden Lüftchen berührt.

Es war der lieblichste Deutsche,
Der je noch von Saiten erklang;
Es war ein Zucken und Wiegen,
Das Mark und Leben durchdrang.

Wir hatten die Runde des Saales
Wohl oft durchmessen im Flug,
Und konnten noch immer nicht rasten,
Und hatten noch immer nicht gnug.

Da merkten wir endlich ein Flüstern,
Ein Deuten und Kopfverdreh'n;
Wir hörten die Spieler kichern,
Und blieben befremdet steh'n.

Nun brachten die Leute spöttelnd
Uns erst zur Besinnung zurück;
Wir hatten die längste Weile
Getanzt schon —ohne Musik.

5.

Auf sechs und zwanzig Bällen
In Einem Karneval
Hast du ihn leuchten lassen,
Der Reize goldnen Strahl!

Auf sechs und zwanzig Bällen
Hast du mit deinem Blick
In unbefangnen Herzen
Zertrümmert Ruh' und Glück!

Auf sechs und zwanzig Bällen
Warst du die Königin,
Und wiegtest dich im Wirbel
Des Tanzes siegreich hin!

Und doch war jeder Abend,
Vertanzt in Lust und Scherz,
Ein Dolchstich in mein armes,
Mein eifersüchtiges Herz.

Bewundre, stolze Schöne,
Doch meinen Heldensinn;
Von drei und zwanzig Stichen
Sank Cäsar tot dahin.

Ich zähle sechs und zwanzig,
Und steh' noch frisch und fest:
Was doch mit jungem Herzen
Sich Alles dulden läßt!

6.

Sie tanzt! Wie los' und lind das Kleid
Den lieben Leib umweht!
Sie tanzt, wie sie an ihn sich schmiegt,
Wie er sie wirbelnd dreht.

So wie der Wind ein Blümchen hebt
Aus weichem Nasenflaum,
So führt der Tänzer sie hinweg,
Das Aug' verfolgt sie kaum.

Und wie so sanft, so schmelzend rauscht
Des Walzers Melodie! —
Umsonst versucht' ich's, still zu sein,
Nachpfeifen mußt' ich sie.

Nachpfeifen, wie das Grillchen zirpt
Im grünen Wiesengras,
Weil ihm der Wind das Blümchen nahm,
Bei dem es singend saß.

Sie hört's vielleicht, vielleicht auch nicht,—
Das Tanzen macht ja taub;
Das Herz verpocht sich im Gewühl,
Das Aug' wird matt im Staub. —

Ihr glaubt, sie habe Geist und Herz
Mir ganz mit Lieb' umschanzt? —
Ich tanze ja nicht, wie sie pfeift,
Ich pfeife, wie sie tanzt!

7.

Sie stand geschmückt, wie ein Nymphchen
In einem Kleid von Kristall!
Und tat sie's mir zu Gefallen? —
Nein — einem Gesellschaftsball.

Ich saß ihr im Wagen zur Seite,
So scheu in die Ecke gepreßt,
Als könnte mein Hauch sie zerstäuben,
Wie flockige Blüten der West.

Schon steh'n wir im brausenden Saale,
Schon zieht es sie mächtig von mir;
Schon wird gegafft und gemustert,
Schon drängt es sich schmeichelnd zu ihr.

Schon fliegt sie hinab mit dem Tänzer,
Dem Abgott, der sie mir raubt;
Sie kommt zurück mit dem Zweiten,
Und lispelt: »Ist es erlaubt?«

Dem Zweiten entreißt sie der Dritte, —
Sie fliegt von Hand zu Hand,
Sie läßt, um mich zu vertrösten,
Für's Herzchen den Shawl mir zum Pfand.

Sie wandert von Ecke zu Ecke
Hinauf und hinum und hinein;
Sie scheint im Gesellschaftsballe
Der Ball der Gesellschaft zu sein!

8.

Ei! was doch Alles an dir hüpft, mein Kind!
Dein Füßchen hüpft, so zierlich, so geschwind,
Als wolltest du das flücht'ge Glück ereilen,
Und mit der Zeit den Ruhm der Flügel teilen!

Dein Herzchen hüpft! Treibt Leichtsinn oder Lust
Die kleine Unruh' in der Uhr der Brust? —
Ach — wenn du einst verstehst des Herzens Schläge,
Dann hüpft es dir gewiß nicht mehr so rege!

Und wie die Pulse hüpfen! — Sieh doch nur;
Durch Band und Flor verrät sich ihre Spur.
Ihr Feuer wird — (erführst du's nie!) verkühlen:
Das Leben weiß gar ernst den Puls zu fühlen.

Ja deine Blicke, dünkt mich, hüpfen auch!
Wie die Zikade hüpft von Strauch zu Strauch,
So gaukeln sie von Einem zu dem Andern;
Halt sie zurück: den Blick verdirbt das Wandern!

Wir Männer sind gar klug: ein flücht'ger Rausch
Mag wohl entglüh'n an flücht'ger Blicke Tausch;
Doch nur aus festen, ruhig ernsten Blicken
Saugt wahre Lieb' ein bleibendes Entzücken!

9.

Ich lieb' es, wenn die Welle klar
Durch grüne Fluren schlüpft,
Und tanzend längs dem Blumensaal
Des schönen Lenzes hüpft.

Ich lieb' es, wenn der Tänzer »West«
Die Tänz'rin Blume faßt,
Und nicht die Schlanke ruhen läßt,
Bis sie sich neigt dem Gast.

Ich lieb' es, wenn in freier Luft,
Von Gottes Sonn' erwärmt,
Ein lustig Bienenvölkchen tanzt,
Ein Mückentrüppchen schwärmt!

Ich staun' entzückt, wenn in der Nacht,
Am blauen Himmelszelt,
Der Sterne lichte Geisterschar
Den stillen Reigen hält.

Ich lieb' es, Menschen auch zu seh'n,
Die ganz Natur und Herz
Am Brauttag oder Kirchweihfest
Sich dreh'n bei Sang und Scherz.

Ich liebe jeden Tanz, wozu
Das Herz die Weise gibt;
Doch lieben werden ich nie den Tanz,
Wie jetzt die Mod' ihn liebt!

Den Tanz, wo aus verrenktem Leib
Verrenkte Sitte spricht,
Wo aus den Augen Alles glüht,
Nur eine Seele — nicht.

Ich liebe jeden Tanz, worin
Sich malt der Freude Spur;
Doch einen Tanz den lieb' ich nicht,
Den Tanz der Unnatur.

10.

Der Tanz bedünkt mich eine Schlacht. —
Gerüstet mit der Schönheit Macht,
Feldsträuß' in der Brust und im Haare,
So steh'n die erwartenden Paare.

Zu siegen im gewöhnten Spiel
Ist ihr Begehren, ist ihr Ziel;
Und wie nun der Schlachtruf erklinget,
Da geht's, wie vom Sturme beschwinget.

Da fliegt's hinab, da fliegt's hinauf,
Ein Ringen ist's, ein heißer Lauf;
Und Mancher ermüdet mit Bangen,
Und Manche fühlt sich gefangen.

Und wider Willen unbewußt
Entschlüpft so manches Wort der Brust,
Und Mancher muß sich ergeben,
Und bittet den Feind um das Leben.

Und wenn die wilde Jagd sich satt
Im Wechselkampf ermüdet hat,
Dann teilen erschöpft sich die Truppen
In friedlicher lispelnde Gruppen.

Dann wird oft hier ein Groll verscherzt,
Indes dort manche Wunde schmerzt;
Hier werden Pakte erneuert,
Dort stille Triumphe gefeiert.

Da, wie bei einem Überfall,
Klingt wieder plötzlich heller Schall,
Schon ballt es vom Neu'n sich zusammen,
Um wieder die Schlacht zu entflammen.

So geht es fort in bunter Hast,
Bald Kampf und Sieg, bald Ruh' und Rast,
Und mancher Held aus dem Heere
Verschwindet vom Felde der Ehre.

Doch wie die Nacht in einer Schlacht
Die müden Kämpfer ruhig macht,
Naht hier der Tag sich den Müden,
Und schließt beschwichtigend Frieden!

11.

Einen Fasching will ich halten.
In dem Raume meines Zimmers
Freudvoll zwar, doch fern dem Walten
All' des modisch eklen Flimmers.
Gar herzinnig liebe Gäste
Lad' ich mir zu diesem Feste,
Gäste, die mich gerne sehn,
Gäste, die mich ganz versteh'n!

Meinen Vater, den verblichnen,
Lad' ich ein von vollstem Herzen,
Mit dem Ernst, dem nie entwichnen,
Mit den väterlichen Scherzen.
O da wird es an Erzählen,
An Gespräch und Witz nicht fehlen,
Und vielleicht — im Saus und Braus, —
Schwatzt er was vom Jenseits aus.

Meinen Freund, den lieben, guten,
Bitt' ich, freundlich mitzukommen,
Ihn, den wider mein Vermuten,
Gott so bald zu sich genommen!
Schon in jugendlicher Blüte
Stand er da, voll Kraft und Güte,
Ach er war zu schön, zu gut, —
Gott muß wissen, was er tut!

Noch ein paar Gespielen werden,
Zu erscheinen, sich nicht sträuben;
Auch ein Mädchen, das auf Erden
Weder Anklang fand, noch Bleiben,
Auch dies Mädchen, einst die Quelle
Meiner ersten Liedeswelle,
Auch dies Mädchen lad' ich ein,—
Traurig soll mein Ball nicht sein!

Doch wen bitt' ich nur hernieder,
Daß er komm', uns aufzuspielen?
Wer versteht sich auf die Lieder,
Die uns nach dem Herzen zielen?
Lieblich ernst ist unsre Weise,
Unsre Saiten klingen leise,
Unser Takt, wie unser Herz,
Teilt sich zwischen Lust und Schmerz.

Ja — mein Schubert! — du verliere,
Liebend, dich zu uns herüber!
Setze du dich zum Klaviere,
Rausche, wie im Sturme, drüber;
Denn du weißt, wie wir es brauchen,
In den Walzer Ernst zu hauchen, —
Deiner Weisen Geisterschall
Taugt für unsren stillen Ball.

12.

Am Nil im Reich der Pharaonen
War auch die Freude nicht verbannt;
Man stritt sich um des Frohsinn's Kronen
Mit heitrem Blick, mit rascher Hand.

Man schenkte die kristallnen Becher
Mit Mareotiker sich voll,
Und munter sangen junge Zecher,
Indes der laute Reigen scholl.

Doch in des Saales tiefster Ecke
Saß ein geheimnisvolles Bild;
Verschleiert war's mit dichter Decke,
Und ward beim Abschied erst enthüllt.

Da zeigte sich ein Beingerippe,
Bekränzt mit Rosen Haupt und Brust,
Den Gästen, sonder Aug' und Lippe,
Vom Ernste pred'gend in der Lust.

So kommt auf unsre Fastnachtfreuden
Ein Tag, benannt nach jenem Rest,
Den einst, wenn wir von hinnen scheiden,
Uns jede Freud' als Erbteil läßt.

Als Warner sitzt der Tag im Winkel
Des hellen Saal's, der uns umgab,
Und ruft: »Bezähmt den Wonnedünkel:
Ihr tanztet über eurem Grab!«