Johann Gabriel Seidl

Vor'm Begräbnisse

Wer will, seh' ihn noch einmal an,
Er liegt so still, so hehr;
Wer will, seh' ihn noch einmal an,
Bald kann er's nimmermehr.
Bald tragen sie ihn fort und fort,
Und tragen ihn hinaus,
Zur Kirche fort, zum Friedensort,
In's allerletzte Haus.

Dann könnt ihr ihn nie — nie mehr seh'n,
Und grämtet ihr euch krank;
Bald mußt' er durch ein Pförtlein geh'n,
Das hinter ihm versank.
Wie wollt ihr dann, so oft, so gern
Noch Manches ihm gesteh'n;
Umsonst, umsonst — er ist zu fern,
Weit wär's, zu ihm zu geh'n!

Wie oft entsinnt ihr euch an Sprach'
Und Miene nicht mehr gut,
Ihr eilt zu ihm in's Schlafgemach,
Wo er nun nimmer ruht!
Ihr sprecht von seinem Sein und Tun
Mit »tut« und »ist« sogar,
Und denkt wohl nimmer, daß ihr nun
Müßt sagen: »tat« und »war!«

Und wenn ihr Abends um den Tisch
In stillem Kreise sitzt,
Dann ruft wohl Mancher froh und frisch:
»Still, still, wer pocht denn itzt?« —
»»Wer sonst, als — er!«« so heißt es dann,
Bis Einer sich besinnt;
Da seh'n sich Alle schweigend an,
Und manche Träne rinnt.

Er war ein Mann voll Herz, Verstand,
Voll Lieb' und Freudigkeit;
Im Leben hatt' ihn kein's erkannt,
Und wie hätt's ihn gefreut.
Drum seht ihn jetzt noch einmal an,
Und kniet um ihn her!
Noch einmal küss't den Ehrenmann,
Bald könnt ihr's nimmermehr!