Johann Gabriel Seidl

Karfreitag

Trauertücher hangen wieder
Von den Kirchenwänden nieder;
Dumpf ertönen Klagelieder!

Und auf hohen Leuchtern stehen
Kerzen, schaurig anzusehen
Mit der Flamme düstrem Wehen.

Weißbekreuzte Grabtalare
Über jeglichem Altare
Mahnen an das Kleid der Bahre.

Selbst der Türme rege Zungen
Sind, von starrem Weh' durchdrungen,
Stumm geworden und verklungen.

Und wie Wand und Lied und Kerzen,
Tuch und Glocken sind voll Schmerzen,
Spricht der Schmerz auch aus dem Herzen.

Heil'ger Schmerz, o sei willkommen,
Der du mild, zu ihrem Frommen,
Dich der Menschheit angenommen!

Wild im Taumel jagt das Leben,
Eitlem Flitter hingegeben,
Klein im Wollen, schwach im Streben.

Nur des Wahnes Münzen gelten,
Aufwärts blickt ein Auge selten
Zu dem Ernste jener Welten!

Drum willkommen, Zeit der Trauer,
Unterbrich des Leichtsinn's Dauer,
Lehr' uns wieder heil'gen Schauer!

Uns umrauschen, uns umklingen,
Uns gewaltsam auf sich dringen
Muß sich's, — soll es uns bezwingen!

Mahn' uns einmal doch im Jahre
An Vergänglichkeit und Bahre,
Daß die Brust vor Stolz sich wahre!

Zeig' am Grabe des Gerechten
Allen menschlichen Geschlechten,
Welche Fesseln sie umflechten.

Läutre durch den Ernst die Seelen,
Daß sie sich zu Kampfe stählen,
Und das beßre Teil erwählen.

Bald wird Osternfreude schallen
In den lichterfüllten Hallen,
Die jetzt Totenflör' umwallen.

Wahre Freud' entkeimt nicht Scherzen,
Wahre Freud' im Menschenherzen
Ist, wie er, ein Kind der Schmerzen!