Johann Gabriel Seidl

Neujahrslied

Wieder ging ein Jahr dahin
Unter Freuden, unter Leiden!
Vater, laß es zum Gewinn
Für uns, deine Kinder, scheiden!
Hat's auch Trübes viel gebracht:
Was Du tust, ist gut gemacht!

Darum laßt mit Gottvertrau'n
Und mit fromm ergebnen Heizen
Uns noch einmal überschau'n,
Was es gab an Lust und Schmerzen;
Laßt uns, unter Dank und Fleh'n,
Hoffend in die Zukunft seh'n!

Manches ging an uns vorbei,
Manches hat uns hart geschlagen,
Manche Brust ward wieder frei,
Manche drückten neue Plagen!
Möge kommen, was da kommt,
Herr, Du weißt, wozu es frommt!

Manche Locken sind gebleicht,
Manche Brüder sind geschieden,
Manche, die ihr Ziel erreicht.
Ruh'n schon aus in Deinem Frieden;
Nah' und ferne, dort und hier,
Dir, o Herr, gehören wir!

Dein sei jede Stund' im Jahr,
Dein sei jeder Wunsch der Seele!
Gib, daß in der Welt Gefahr
Nie dein Schutz und Schirm uns fehle!
Diese Hoffnung leucht' uns vor
An des neuen Jahres Tor.

Laß, o Herr, wie wir zum Preis
Gläubig jetzt vereint uns sehen,
Noch denselben Brüderkreis
Dankend übers Jahr hier stehen,
Und wie heute hoffend fleh'n:
»Herr, Dein Wille soll gescheh'n!«

Einst, wenn diese Zeit verrann,
Wird ein großes Neujahr kommen!
Ew'ger Vater, ruf uns dann
Gnädig hin in's Reich der Frommen,
Daß, von Schmerz und Trennung frei,
Unser Glück vollkommen sei!