Johann Gabriel Seidl

Ohne Liebe — keine Lust

Tausend Blumen sprossen wieder,
Und der Lenz ist aufgewacht,
Seine Freuden tauen nieder,
Alles blüht und Alles lacht.
Aber ach! die alten Schmerzen
Füllen mir die bange Brust:
Winter ist's im öden Herzen, —
Ohne Liebe — keine Lust!

Tausend milde Strahlen wärmen
Blatt und Knospe, Saat und Keim,
Quellen rieseln, Bienen schwärmen,
Und die Schwalben kehren heim.
Aber ach: kein süßes Scherzen
Schmelzt das Eis der bangen Brust:
Keine Glut im öden Herzen,—
Ohne Liebe — keine Lust!

Tausend helle Sterne flimmern
Hoch am blauen Himmelszelt,
Leuchten hold mit sanftem Schimmern
Süßen Trost der müden Welt.
Aber ach! wie Totenkerzen
Flackern sie der bangen Brust:
Dunkel bleibt's im öden Herzen, —
Ohne Liebe — keine Lust!

Tausend frohe Kehlen singen
Laut der Freud' ein Jubellied,
Goldne Wonnebecher klingen,
Jede Sorg' und Klag' entflieht.
Aber ach! wie Ruf der Schmerzen
Klingt ihr Schall der bangen Brust:
Stille bleibt's im öden Herzen, —
Ohne Liebe — keine Lust!