Johann Gabriel Seidl

Heute mir, morgen dir!

Wenn mit ihren Rosenarmen
Mich an's Herz die Liebe schließt,
Und mir segnend voll Erbarmen
Öl in jede Wunde gießt;
Dann, o Bruder, keine Klage,
Lacht sie dir nicht so, wie mir:
Wechsel wägt auf ihrer Wage, —
Heute mir und morgen dir!

Wenn mich oft mein Blick nach oben
Unbewußt ein Lied gelehrt,
Und sie mich um etwas loben,
Wo ich mir kein Lob begehrt;
Laßt euch, Brüder, das nicht schmerzen,
Lohnt man euch nicht so, wie mir:
Leicht beweglich sind die Herzen,—
Heute mir und morgen dir!

Wenn ich sanft gegängelt heute
An des Frohsinns Blumenband,
Was er mir an Rosen streute,
Sammle mit geschäft'ger Hand;
Seht nicht scheel auf meinen Segen,
Blüht er euch nicht so, wie mir:
Freude trifft man unterwegen, —
Heute mir und morgen dir!

Wenn sich aber welk von Trauer
Meines Lebens Blume senkt,
Wenn ein kalter Regenschauer
Meine Blüten eisig tränkt;
Rühme dann mit bösem Munde
Nicht dein Glück im Leide mir:
Kinder sind sie einer Stunde, —
Heute mir und morgen dir! —

Wenn von Ader einst zu Ader
Mir der letzte Schlummer schleicht,
Freunde dann mir ohne Hader
Nochmal warm die Hand gereicht!
Laßt mich ohne Groll von hinnen.
Dünkt euch nicht zu sicher hier:
Euer Sand muß auch verrinnen, —
Heute mir und morgen dir!