Johann Gabriel Seidl

Ständchen

Wenn so hold und rein
Der Sterne Schein
Mir winket,
Und die stille Nacht
Die Lauscher müde macht;
Und wo Liebchen wohnt,
Der Mond
Am Fenster blinket,
Und sie lächelnd geht,
Und still die Klinke dreht:
Ach dann ringt in meinem Herzen
Lust mit Bangen, Freud' mit Leid!
Sind es Wonnen, sind es Schmerzen?
Mit mir selbst bin ich entzweit!
Alles Müh'n ist vergebens,
Alles stürmt, wie im Lauf;
Liebe, Rätsel des Lebens,
Sprich, wer löset dich auf? —

Wenn wir Wort und Gruß
Und Druck und Kuß
Dann tauschen,
Wie ein Traum zerfällt
Vor uns die ganze Welt;
Mag versteckt und still,
Wer will,
Uns dann belauschen, —
Ach für uns ist ja
Das eigne Glück nur da!
Dann ist Alles rings verschwunden,
Nur die Liebe wirkt und webt;
Nur gefühlt wird, nur empfunden,
Nur geliebt wird, nur gelebt!
Alles Müh'n ist vergebens,
Alles stürmt, wie im Lauf;
Liebe, Rätsel des Lebens,
Sprich, wer löset dich auf? —

Und Gemüt und Herz
Genest von Schmerz
Und Trauer,
Und mit neuer Glut
Beseelt sich unser Mut;
Und es pocht die Brust
Vor Lust
Und süßem Schauer,
Und der Mond so klar
Bescheint ein glücklich Paar.
Mag für lang mit Wolken wieder
Unser Himmel sich umzieh'n,
Wie ein Stern aus Nebeln nieder
Wird dies Stündchen hell mir glüh'n.
Aller Sturm ist vergebens,
Winkt sein freundlicher Lauf!
Liebe, Rätsel des Lebens,
Sprich, wer löset dich auf?!