Johann Gabriel Seidl

Überschriften

Überschriften in flüchtigen Zeilen
Hab' ich zur Auswahl mitzuteilen;
So Manchem wird das eigne Leben
Zur Überschrift den Aufsatz geben.

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Nie stieg noch Einer zweimal nieder
In einen und denselben Fluß:
Die Wellen kommen und gehen wieder,
Es ist ein ewiger Wechselerguß.
So ist es auch in unserem Leben,
Die Tage strömen ab und zu;
Nichts kann sich zweimal gleich begeben:
Das Leben ist anders, oder — du!

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Ein Leben, das niemals Stürme bestreichen,
Dem toten Meere scheint's zu vergleichen!

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Wer immer saß im Klaren,
Kennt nicht den Wert des Licht's:
Wer Untreu' nie erfahren
Weiß von der Treue nichts.

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Daß Mancher schlechter scheint, als er ist,
Das läßt sich leicht begreifen:
Das Silber, wiewohl es glänzend ist,
Zieht dennoch schwarze Streifen.

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Es ist nicht immer eine Au,
Wo Nachtigallen sangen:
Man läßt sie manches Mal zur Schau
Auch vor den Fenstern hangen.

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Was eine künstliche Zuckertorte
Für unseren Gaumen ist als Gericht,
Das sind für's Herz die süßen Worte,
Sie munden, aber sie nähren nicht.

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Nach Beßrem richte dein Bestreben,
Und wirf von dir den eitlen Tand;
Ein armer Mann, der nichts im Leben,
Als nur das arme Leben fand.

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Und wenn dich ein volles Hundert
Huldreicher Damen und Herrn bewundert,
Es sei dir nicht so viel wert,
Als wenn ein schlichtes Herz dich ehrt!

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Worüber ich mir oft schon grollte,
Und was ich oft teuer büßen mußte,
War, weil ich nicht wußte, was ich wollte,
Oder weil ich nicht wollte, was ich wußte!? —

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Es ist doch seltsam, daß ein Flecken
Der schönen Seel' oft lieblich steht,
Gleichwie die eingeschloßne Fliege
Des klaren Agtstein's Wert erhöht.

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Eins vor Allem tut dem Herzen
Not, daß du's im Leben lernst:
Ernst zu bleiben unter Scherzen,
Und zu scherzen mit dem Ernst.

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Des Weibes Tränen zittern
Wie flücht'ge Taukristallen;
Des Mannes Tränen fallen
Vor oder nach Gewittern.

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Da sprechen gar viele von Bildung und Kunst,
Vom Denken, Dichten und Schaffen,
Und fragt man sie, was das Alles heißt,
So steh'n sie stumm, — und — gaffen.

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Bisweilen da wandelt es mich an,
Als hätt' ich noch nie was Rechtes getan;
Bisweilen da werf ich mich in die Brust,
Als wär' ich des Tüchtigsten mir bewußt.
Ich glaube, daß ich am Besten wähle,
Wenn ich mich in etwas zu Beiden, zähle!

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Ich halte die Mehrzahl Tränen für Wasser,
Ich halte die Mehrzahl Seufzer für Wind,
Und dennoch bin ich kein Menschenhasser:
Ich weiß nur, wie ich bin, und wie sie sind!

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Warum kann Eins zum Frommen
Der Menschen nicht gescheh'n? —
Aus sich herauszutreten,
Um in sich selbst zu geh'n!

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Nicht gegen jedes Eigenlob
Sei Widerspruch erhoben;
Ein gutes Werk mag ungestraft
Sich selber, mein' ich, loben.

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Ihr braucht die Poesie nicht erst
In's Leben hineinzulegen;
Wenn ihr es recht erfaßt, so springt
Sie euch von selber entgegen.

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Wer sich mit Gedichten den Durst will löschen,
Fühlt bald, daß sie ihm mißbehagen:
Man muß sie tropfenweis genießen
Mit Andacht, wie die Trinker sagen.

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Ich weiß, ich bin nicht der und der,
Die man itzt lobt, mit gutem Recht mitunter:
So wie mir's einfällt, geb' ich's her, —
Vielleicht, will's Gott, ist doch was Gutes drunter.

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Schiller'n
Nachzutrillern,
Oder Göthe'n
Die Verse nachzunöten,
Oder Einem von den Neuern
Mit ähnlicher Flagge nachzusteuern,
Das mag ein leichtes Studium sein,
Man kommt, man weiß nicht wie, zu seiner Gabe.
Ich geb's aus Eignem, ist's auch klein,
So weiß ich doch zuletzt, woher ich's habe.

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Vergebne Müh, verfehltes Streben!
Mit Dreh'n und Schrauben geht es nie.
Ein Thermometer ist die Poesie,
Nur Herzenswärme kann ihn heben!

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»Warum der Mut mit einmal ihm wächst?«
Das ist doch eine klare Sache:
Er stand ja einem Könige zunächst
Im deutschen Musenalmanache.

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Und ist auch Manches widerlich und schwer.
So gab's die Zeit, so wird's die Zeit verwehen!
Die Politik gefiel mir nie gar sehr:
Die Poesie soll, mein' ich, drüber stehen.

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Ein Werk, das wahrhaft weckt und erhebt,
Post festum kritisieren,
Heißt, mein' ich, ein Wesen, das noch lebt.
Zum Studium sezieren.

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O süße Rache für den Sängersmann,
Der arg getäuscht und arg verspottet worden.
Wenn er die Treuvergeßne kann
Mit einem Liederdolche morden!

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Warum wohl gleiche Wehmut mich durchdringt,
Wenn ein Trauermarsch, oder ein Walzer klingt? —
Ist's hier der Schmerz, der durch die Freude rauscht?
Ist's dort die Lust, die hinter'm Leide lauscht?

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Was dir versagt ward, was beschieden,
Ertrag', und frage nicht: warum?
Und bleibt das Schicksal stumm hienieden,
So bleib' auch du zum Trotze stumm!

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Mit schlechten Gedichten, ihr Dichter,
Da ist's ein mißliches Beginnen:
Sie sind ihre eigenen Kläger und Richter,
Und können zuletzt denn doch nicht gewinnen!

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Ein Weib, das weiß, daß du es achtest,
Beurteile nicht, so lang' du's betrachtest!
Von Freunden laß' zu Zeiten es betrachten,
Von denen es nicht weiß, daß sie es achten.

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Wenn ich wüßte, daß sie mich liebe,
Und bloß aus Liebe mich betrübe,
Wie gern wollt' ich mit meinen Qualen
Die kleinste Lust für sie bezahlen!
Doch wüßt' ich, daß sie's tut aus Kälte,
Dann wüßt' ich auch, wie ich's vergälte!

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Ich hätte dir so viel, so viel zu sagen,
Und darf's um dein- und meinetwillen nicht!
So will ich's denn zur Ferne mit mir tragen,
Treu, fest und innig, bis das Herz mir bricht!
Ist's doch das Los des Beßren, sich zu sehnen;
Nur in dem Widerscheine stiller Tränen
Erhält das Aug' sein wahres, reinstes Licht!