Johann Gottfried Seume

Das Privilegium

Die Fürstenknechte peitschen blutig
Und zogen kühn und drückten mutig,
Bis zu dem tiefsten Unsinn dumm,
Und sammeln sich noch jetzt in Heeren,
Das Mark des Landes zu verzehren -
Das ist das Privilegium.

Sie müssen frei das Land besitzen;
Das Hundepack mag ziehn und schwitzen,
Sie kümmern wenig sich darum -
Sie sind geboren, flott zu leben,
Die andern büffeln nur und geben -
Das ist das Privilegium.

Der Dolch beschützt, was er sich raubet,
Und wehe dem, der anders glaubet,
Zieht er den Mund nur etwas krumm!
Der Dummkopf wird ein Mann im Staate;
Denn sein Herr Vater saß im Rate -
Das ist das Privilegium.

Der Städter und der Landmann fahren
Dem Feind den Fleiß von vielen Jahren;
Die fetten Hechte liegen stumm,
Steht im Ruin des Vaterlandes
Nur fest das Vorrecht ihres Standes: -
Das ist ihr Privilegium.

Der Aberglaube hilft mit Lügen
Das Volk mit Fug und Recht betrügen
Und räuchert dem Palladium;
Und Skriblerbuben stehn an Ecken,
Despotenspeichel aufzulecken,
Und grölen: Privilegium!

Nun herrscht denn auch bei uns der Fremde
Und fordert blitzend Rock und Hemde
Und herrscht gebietrisch rund herum.
Daß man den Atem uns erlaube,
- Flehn wir mit Demut in dem Staube -
Das macht das Privilegium.


(Apokryphen)