Richard von Volkmann

Vom Weingenie

Viri Galilaei, quid statis aspicientes in coelum.
(Apostelgeschichte.)

Dass sich die Erde drehe,
Wer hat’s uns kund gethan?
Der alte Galilei,
Der hat den Fund gethan.

Er hatte dreissig Jahre
Gegrübelt Tag und Nacht,
Zerwühlt sich Bart und Haare
Und nichts herausgebracht.

Da sprach er eines Tages:
Nun hab’ ich’s gründlich satt;
Ich gehe in ein Wirtshaus,
Wo’s gute Weine hat!

Die dummen Telescope,
Die widern längst mich an!
Was helfen auch die Gläser,
Draus man nicht trinken kann? …

Der Wein war klar und golden,
Und sänftlich ging er ein;
Der Alte sprach: mich dünket,
Das ist Kometenwein.

Noch eine volle Flasche,
Herr Wirt, so’s euch genehm;
Mit Eins kann man nicht rechnen,
Der Mensch klebt am System!

Und nach der zweiten Flasche,
Da kam ihm so was bei,
Als wenn es mit der Erde
Nicht ganz geheuer sei.

Und aber nach der dritten,
Da ward ihm völlig klar,
Wie wacklig, unbestritten,
Sein ganzer Standpunkt war.

Hinaus zur Thüre schwankt’ er,
Und auf dem Markt er stund, –
Da drehte sich die Erde
Mit ihm im Kreise rund,

Und Turm und Häuser flogen, –
Da rief er jubelnd aus:
Hurrah! die Erde dreht sich!
Nun hab’ ich’s endlich ’raus!

Draus, Brüderlein, ergründet
Den Wert der Empirie,
Und wie im Wein sich kündet
Das schlummernde Genie!