Johann Gabriel Seidl

Türmer und Totengräber

Der Türmer in seinem Stübchen
Der saß in finsterer Nacht,
Sah aus nach allen Seiten
Und hielt getreue Wacht.

Er bog sich hinaus zum Fenster
Und sah auf den Friedhof hinab;
Da grub der Totengräber
Beim flackernden Span ein Grab.

»Traun!« – meinte der Türmer droben,
»Der hat wohl ein schaurig Amt:
Zu wohnen unter Toten,
Im Leben zum Tode verdammt;

Von Leichen umduftet zu schlafen,
Auf morschen Gräbern zu stehn,
Und unter Kreuzen zu wandeln,
Und über Knochen zu gehn;

Bei knisternden Brettern der Särge
Zu kochen das karge Mahl;
Bei jedem Schritt erinnert:
Hier ruhst auch du einmal!

Hab' eben nichts zu verlieren,
Bin kein geschreckter Mann;
Doch müßt' ich da unten wohnen,
Wohl käm' ein Grausen mich an.« –

Der Totengräber unten
Setzt eben den Spaten ein,
Da fällt ihm das Licht ins Auge
Von Türmers Fensterlein.

»Traun!« – meint der Totengräber,
»Der hat wohl ein schaurig Amt;
Zu wohnen allein in den Lüften,
Zur Einsamkeit verdammt;

Von Stürmen umbraust zu werden,
Von Raben umkrächzt zu sein,
Aus öder Stube zu starren
Ins öde Dunkel hinein;

Und immer die Glocke zu rühren,
Wenn einer starb im Tal,
Bei jedem Schlag erinnert:
So läutet's auch dir einmal!

Hab' eben nichts zu verlieren,
Bin kein geschreckter Mann,
Doch müßt' ich da droben wohnen,
Wohl käm' ein Grausen mich an.«