Gustav Falke

Der Freier

Es saß im hellen Sonnenschein
Gevatter Tod am Grabenrand,
Kreuzte gemächlich Bein und Bein
Und hielt ein Blümchen in der Hand.

Er trieb das alte Fragespiel
Und fragte ehrlich Blatt für Blatt,
Bis er den kahlgerupften Stiel
In seinen harten Fingern hatt'.

Ein melancholisch Lächeln glitt
Leicht übers gelbe Kalkgesicht,
Dann stand er langsam auf und schritt
Durchs Stoppelfeld. Er eilte nicht.

Das Dorf lag hinterm nächsten Hang,
Und sicher war die Braut ihm auch,
So war denn auch sein Freiersgang
Gemächlicher als sonst der Brauch.

Noch einmal, vor dem letzten Haus,
Brach er ein Asterchen und riss
Ihm alle seidenen Blättchen aus
Und zählte nicht, des Spiels gewiss.

Er warf den Stengel hinter sich
Und trat ins niedere Häuschen ein:
Schön Annemarie, ich liebe dich
Und frage nicht ja und frage nicht nein.