Johann Gabriel Seidl

Der blinde Greis an seine Tochter

»Leg mir die Händ' auf meine Augen, Kind!
So – Wie das kühlt! – Sie sind so lieb, so lind,
Und jeden Pulsschlag spür' ich! Heißt das gehn!
Dagegen meiner – matt zum Stillestehn.

Einmal, es ist schon völlig nicht mehr wahr, –
Ich hatte da noch Augen hell und klar, –
Da saß ich draußen unter einem Baum,
Und blickte sinnend in den grünen Raum.

Horch! plötzlich rauscht' es hinter mir, – im Nu
Hielt mir's die Augen mit den Händen zu;
Ich kannte wohl die Hand, so lieb und lind,
Und blieb recht gern so lang' als möglich blind.

Das Mädchen war's, das deine Mutter ward,
Damals wie du so jung, wie du so zart;
Den ersten Kuß trug mein Erraten mir,
Und bald darauf war ich vereint mit ihr. –

Wenn du nun manchmal deine Hände so
Mir auflegst, macht es mich wehmütig froh;
Mir ist's, als fielen mir die Schuppen ab,
Als säh' ich sie, die längst schon ruht im Grab.

Ja, malen könnt' ich Zug für Zug sie dann,
Und eine süße Sehnsucht faßt mich an;
Zu sitzen glaub' ich unter jenem Baum,
Hinauszustarren in den grünen Raum;

Und fühl' ich deine Hände, liebes Kind,
So denk' ich mir, ich stelle mich nur blind.
Und sie verhalte nur die Augen mir,
Und bald danach würd' ich vereint mit – ihr!«