Ferdinand Avenarius

Sturm am Meer

Sturm! –

Über des Meeres
Weißsprühenden Gischt
Rollt der Wolken
Schwarzes Meer.
Befreit
Aus der Tiefen nächtigem Grab,
Miterstandene Genossen
Ziehen heulend sie empor.
Wie flatternder Schnee
Vor dem Rauschen des Windes,
Stieben die Möwen
Sandumpfiffen über die Insel . . .

Sturm! –
Hörst du seinen Gesang? –

Wie er die Welt, die widerstrebende,
Schon erfasst,
Wie sie zitternd jetzt,
Jetzt in Wahnsinnstaumel
Einstimmt in sein brausendes Lied . . .

Sturm! –

Was bebst in rascheren Schlägen auch du,
Klopfendes Herz?
Den Weg zu dir
Findet nicht der Kampf der Elemente,
Denn deine Welt trägst du in dir,
Was kümmert’s dich? . . .

Sturm! –
Hörst du seinen Gesang? –

Zum Kampfe herbei,
Ihr lange verbannten
Sturmestrabanten –
Lande hinwegzuschwemmen,
Habt ihr vollbracht
In einer Nacht –
Sie wollen euch hemmen
Mit Mauern und Dämmen!

Glaubt ihr, weil ihr uns bekämpft,
Menschen, seid ihr frei?
Den Elementen
Seid ihr entsprungen:
Unser Wesen
Hat euch gezeugt!

Was euer Köpfchen
Grübelnd erdacht,
Was ihr in zierliche
Regeln gebracht,
Wird zum niedlichen
Netze gewebt,
Das der Sonne
Leuchten belebt,
Drin in der Sonne
Jegliches Tröpfchen
Funkelt und prangt,
Drin ihr manierlich
Fliegen und Grillen fangt,
Draus euch der Sonne
Tausendfältiges
Ebenbild sprüht –
Bis euch des Sturmes
Jauchzen durchzieht,
Und zu Fetzen
Zerrissen entschwebt,
Was euer Weisheit
Spinne gewebt!

Hör es, Erdenwurm:
Dein Sinnen, Fragen,
Minnen, Wagen,
Wollen, Streben,
Denken, Leben,
Dein Leben
Lenkt der Sturm! – –

"Was sich zu schwächlichem Sein entrang
Euren Schoß, Elemente,
Singt, dass es euch nicht bezwang,
Auf zum Firmamente!
Kämpft!
Bis die Erde befreit
Von kleinlichem Leben!
Kämpft, bis das Morgenrot
Auflacht über dem Tod!“

Sturm! –
Hörst du seinen Gesang? –