Johann Georg Jacobi

An Chloen

I.

Wer hat in jenen Schatten,
Wer hat dem treuen Gatten
Das Täubchen angetraut?
Wer hat auf jenen Ästen,
Zu ihren Hochzeitfesten,
Ein Tempelchen erbaut?

Die Liebe that's; im Stillen
Hat sie, nach ihrem Willen,
Das Täubchen angetraut.
Sie will auch uns vereinen:
Du bist in diesen Hainen,
O Chloe, meine Braut.

II.

Welch ein Kuß! Und deinen Wangen,
Zart wie Knospen, ehe sie
Noch zu Rosen aufgegangen,
Nahte sich der Jüngling nie.

Aber Liebesgötter wachten,
Als du schliefst, um deinen Mund,
Küßten deine Lippen, machten
Ihr Geheimniß ihnen kund;

Lehrten sie dieß holde Schweben,
Diesen Wonnedruck, so leicht,
Wie des Frühlingswindes Beben,
Wenn er über Wiesen schleicht.

Tausend Quellen einer süßen,
Neuen Wollust thun sich auf,
Rieseln in mein Herz, und fließen
Mächtiger, in vollem Lauf;

Strömen hin durch alle Glieder:
Sterbend sucht mein Auge dich;
Und mir ist, erwach' ich wieder,
Als begrüßten Engel mich!

III.

Komm, Liebchen! es neigen
Die Wälder sich dir;
Und alles mit Schweigen
Erwartet dich hier.

Der Himmel, ich bitte,
Von Wölkchen wie leer!
Der Mond in der Mitte,
Die Sternlein umher!

Der Himmel im glatten
Umdämmerten Quell!
Dieß Plätzchen im Schatten,
Dieß andre so hell!

Im Schatten, der Liebe
Dich lockendes Glück;
Dir flüsternd: Es bliebe
Noch Vieles zurück.

Es blieben der süßen
Geheimnisse viel;
So festes Umschließen;
So wonniges Spiel!

Da rauscht es! da wanken
Auf jeglichem Baum
Die Äste; da schwanken
Die Vögel im Traum.

Dieß Wanken, dieß Zittern
Der Blätter im Teich –
O Liebe! dein Wittern!
O Liebe! dein Reich!

IV.

Die Rosen, die vom Thau benetzt,
An jedem Blättchen unverletzt,
Ich zu den frischen Nelken
Im Morgenroth zu pflücken ging,
Und küssend um dein Bildniß hing;
O Chloe! wie sie welken!

So welken, wo ich Blumen brach,
So welken alle, nach und nach,
Die Wiesen mit den Hainen;
Bis endlich die getreue Hand,
Bis, gleich den Kränzen, die sie band...
Du aber sollst nicht weinen!

O nähm' ein froher Engel dann
Sich meiner jüngsten Lieder an!
Ihr frohen Engel! bliebe
Durch sie dem guten Mädchen doch
In künftigem Gesange noch
Ein Nachhall meiner Liebe!