Wilhelm Müller

Das Türmchen in der Ferne

(Entnommen: Nachlese)

Ich muß auf alle Berge steigen,
Die rechts und links am Wege stehn,
Und muß herab von allen Bergen
In weite, weite Ferne sehn.

Und ist das Türmchen auch versunken
Wonach ich schau', in blaue Luft,
Muß doch auf alle Berge steigen,
Weiß nicht, wer so hernieder ruft.

Und muß nach jener Gegend schauen.
Wo ich das Türmchen sonst gesehn,
Daß mir zuletzt von allem Schauen
Die müden Augen übergehn.

Und in dem nassen Blick verschwimmen
Mir Feld und Fluß und Berg und Tal,
Und durch die trüben Tropfen flimmert
Es wie ein Heller Mondenstrahl.

Dann hab' ich in dem goldnen Lichte
Das liebe Türmchen oft gesehn,
Und hat mir's manchmal gar geschienen,
Als tat' mein Schätzchen oben stehn,

Und schaute nach der Straße nieder
Und schaute nach den blauen Höhn,
Daß ihr zuletzt von allem Schauen
Die müden Augen übergehn.

Ich muß auf alle Berge steigen,
Die rechts und links am Wege stehn,
Und muß herab von allen Bergen
In weite, weite Ferne sehn.