Wilhelm Müller

Das Verhör

Tu' auf die Tür, du holde Maid, tu' auf und laß mich ein! –
Wer klopft, wer ruft in stiller Nacht? Ein Türke wird es sein. –
Es ist kein Türk', es ist ein Christ, es ist ein guter Christ,
Der deinen purpurroten Mund viel tausendmal geküßt. –
Ich sehe dich im Dunkel nicht, so sag' ein Zeichen mir
Von Hof und Haus und Kämmerlein, damit ich traue dir. –
Im Hofe springt ein Silberquell, und wie der Wind auch weht,
Er springt nach deinem Fenster nur, wenn eines offen steht.
Am Hause rankt die Rebe sich hinauf von Stein zu Stein,
Bis mit den nassen Augen sie kann sehn zu dir hinein.
Du trocknest ihre Tränen ab, sie brechen auf zumal,
Und goldne Nektartrauben glühn in deiner Sterne Strahl.
In deiner Kammer an der Wand ist ein verhängter Schrein,
Es blickt kein Mond, es blinkt kein Stern, kein Lämpchen flimmt hinein:
Darinnen liegt die Lilie auf einem Rosenbeet –
Ich komme schon, ich öffne schon! Herein, wer draußen steht!