Wilhelm Müller

Das Hünengrab

Schon wieder hundert Jahre!
Ich darf aus meiner Gruft
Heraus die Blicke senden
Und schöpfen frische Luft.

Die Luft so frisch wie immer,
Das Meer noch dunkelblau,
Die alten weißen Dünen,
Die junge grüne Au'!

Du, Mensch, nur immer kleiner,
Und größer stets dein Haus,
Die Gräber immer enger –
Wo denkst du, Mensch, hinaus?

Die erste Ruhestätte
Für eine Spanne Zeit,
Die bauest auf der Höhe
So prächtig und so weit.

Und läßt dein Grab dir graben
So eng', so kurz, so schmal,
Dort zwischen dumpfen Mauern,
Im tief versteckten Thal.

Dort mußt du lange wohnen,
Dort ist dein rechtes Haus,
Und darfst aus dem nicht gehen
Auf Berg und Strand hinaus.

Schau' ich aus meinem Grabe,
Ich schaue weit umher
Den hohen blauen Himmel,
Die Küsten und das Meer.

Das Meer, das ich durchschwommen
Mit meinem starken Arm,
Den Strand, wo ich gestanden
In meiner Feinde Schwarm

Du guckst aus deiner Grube.
In Wust und Graus hinein,
In schwarze Föhrenschatten,
Auf deinen Leichenstein.


Anmerkung von Wilhelm Müller:
Das Hünengrab. Die Hünengräber auf Rügen liegen fast alle auf den schönsten, höchsten, weit umschauenden Plätzen. Daher vielleicht die Sage, daß jene Gräber sich alle hundert Jahre einmal öffnen, um ihre Inhaber in die freie Welt hinaus schauen zu lassen.