Wilhelm Müller

Der gute Pfalzgraf

(1825.)

Es war ein Pfalzgraf an dem Rhein,
Geboren zum Regieren,
Regieren thät er Groß und Klein,
Die Menschen sammt den Thieren.
Er ließ sie gehn und ließ sie stehn,
Es ward ihm gar nicht sauer.
Es blieb der Fisch in seinen Seen,
Bei seinem Pflug der Bauer.

Der Mundschenk trank den besten Wein
Wohl in dem ganzen Lande,
Und wer ein Ritter wollte sein,
Der trug ein Kreuz am Bande.

Und wenn das Hofgesinde sah
Die Tafel wohl serviret,
So rief es: Cara patria!
Wie gut bist du regieret!

Der edle Pfalzgraf, baß erfreut
Ob seines Landes Segen,
Berauschte sich in Seligkeit
Und ließ in's Bett sich legen.
Da lag und schlief und schnarcht' er dann
Bis an den hellen Morgen.
Wohl ihm, der also ruhen kann,
Und läßt den Herrgott sorgen!

Der gute Pfalzgraf ist nun todt,
Und thut nichts mehr regieren.
Er hat sie nicht erlebt die Noth,
Die jetzt heißt Guverniren.
Regieren will nun Jedermann,
Niemand regieret werden.
Was Jeder will und Keiner kann,
Wer macht das recht auf Erden?

Der gute Pfalzgraf ist nun todt,
Und würd' er neu geboren,
So wären wir aus aller Noth,
Die Klugen sammt den Thoren.
Wir wählten ihn zum Herrn der Welt,
Er ließ' sie gehn und stehen,
Wo sie der Herrgott hingestellt
In seines Himmels Höhen.

Und wenn wir hier bei Wein und Sang
Selbander jubiliren,
So ist uns um die Welt nicht bang'
Und um das Weltregieren.
O gebt mir einen Becher her,
Dem alten Herrn zu Ehren!
Und wer es besser kann, als der,
Er soll's den Andern lehren.