Johann Gabriel Seidl

An mein Vaterland

Ich hab' dich nicht vergessen,
Mein liebes Österreich!
Noch macht's, an dich zu denken,
Das Herz mir immer weich.

Ich sah wohl schöne Alpen,
Umweht von Balsamhauch,
Sah Paradiese Gottes, –
Du aber hast sie auch.

Sah Silberströme wallen
Durch manchen grünen Plan,
Sah Täler, Auen, Städte, –
Du bist nicht ärmer dran.

Es lacht' auch andrer Orten
Manch treues Herz mir zu,
Doch wer hat sie auf Erden
Zu Tausenden wie du?

Ich bracht' auch in der Fremde
Manch selig Stündchen hin,
Allein in deinem Boden
Schläft ja mein Jugendsinn.

Du hast die ersten Freuden
So treu mit mir geteilt,
Du hast die ersten Leiden
So liebend mir geheilt.

Und sind mir in der Fremde
Viel hundert Plätzchen lieb,
So hast du ja kein Fleckchen,
Das deutungsleer mir blieb.

Drum glaub' dich nicht vergessen,
Lob' ich die Ferne gleich:
Ich weiß nur eine Heimat,
Weiß nur ein Österreich!

Denn was ich in der Fremde
Gesehn, gefühlt, erkannt,
Ist nur ein goldner Reifen
Um deinen Diamant.