Johann Gabriel Seidl

Die Kartausen

Im Süden gibt es Kartausen
(Sie werden die stillen genannt),
Worinnen Mönche hausen,
Durch frommen Wandel bekannt.

Die Mauern dieser Gebäude
Schaun ruhig himmelwärts,
Haben keinen Anstrich von Freude,
Und keinen Anstrich von Schmerz.

Kein Fenster und keine Pforte
Ist rings von außen zu sehn,
Es ist an diesem Orte
Wie unter Gräbern zu stehn.

Doch innen mitten im Hause,
Da schimmern viel Fenster entlang,
Aus allen schallt Gebrause
Von Orgeln und heil'gem Gesang.

Und freundliche Pförtlein leiten
In den freundlichen Hof hinein,
Da blüht es von allen Seiten
Im heiteren Sonnenschein.

Da rauscht es voll grünender Bäume,
Da ist alles so wohl bestellt,
Wie ein Land glückseliger Träume,
Wie eine besondere Welt.

Und drinnen die Mönche wandeln
So traut und gemeinsam umher,
Die Außenwelt und ihr Handeln
Bedeucht sie ein Traum nur mehr. –

Wie diese stillen Gebäude
Und die stillen Mönche darin,
So geht's oft in Freud' und im Leide
Dem ergriffenen Menschensinn.

So schließen oft die Gedanken
Ihre Fenster nach außen zu.
Vergessen das irdische Wanken,
Und freun sich der geistigen Ruh'.

So verriegeln oft die Gefühle
Fürs äußere Leben das Tor,
Und wandeln zu ernsterem Ziele
Gemeinsam im Innern hervor.

Drum zählt mich nicht zu den Harten,
Weil starr oft scheint mein Gesicht:
Im Inneren blüht mir ein Garten,
Dort fehlt es am Leben nicht.