Johann Gabriel Seidl

Der Vogelsteller und der Förster

In den alten Forst, den vogelreichen,
Wo die Sänger all', die großen, kleinen,
Sich im Saal von Birk' und Föhr' und Eichen
Zum volkstümlichen Konzert vereinen,
Ging der Vogelsteller früh am Morgen
Mit Lockvögeln im verhängten Bauer,
Und mit Garn und Spindel, um verborgen
Sich ins Grün zu legen auf die Lauer.

Still noch war es, nur des Taus Geriesel
Hörte man, wenn Luft das Laub bewegte,
Oder leises Rascheln, wenn ein Wiesel
Unterm dichten Brombeerstrauch sich regte;
Oder eines Eichhorns knabbernd Krispeln,
Oder eines Holzwurms dumpfes Nagen,
Bis die Wipfel durch geschwätzig Lispeln
Kündeten: es sei nicht fern vom tagen.

Und schon fing der Nebel an zu streichen,
Und der Baumbart weht' im Wind gleich Flören,
Und es schütteln sich erwacht die Eichen,
Und es strecken knisternd sich die Föhren.
Und zuhöchst von knot'ger Birke nieder
Tönt ein schriller Pfiff, von fern ein zweiter,
Jetzt ein fragend Zwitschern hin und wieder,
Und so geht's wie eine Losung weiter.

Selbst die Vöglein im verhängten Bauer
Fühlen, daß es draußen tagt, und singen,
Und der Vogelsteller auf der Lauer
Legt nun Hand an Spindel und an Schlingen;
Und die eingekerkerten Verräter
Stellt er unter Eich' und Föhr' und Birke,
Daß sie ihr Geschlecht aus freiem Äther
Niederlocken in des Trugs Bezirke.

Und schon hüpft's und flattert's neubegierig
Hier und dort hernieder von den Ästen,
Langsam erst und fern, bald nah und rührig,
Leckrer Imbiß winkt den muntren Gästen. –
»Nur herab zur Tafel, schneller, schneller!
So, – ein Druck, – nun seid ihr meine Beute!«
Höhnisch lachend ruft's der Vogelsteller,
Sieh – da steht der Förster ihm zur Seite.

»Halt,« so spricht er grimm, »du Waldentweiher,
Du Beleid'ger meiner Reichsinsassen!
Unter Freien will ich stehn, ein Freier,
Sklavenjäger, willst du frei sie lassen?
Vogelfang ist hier verpönt mit Rechten:
Darum auf das Garn! Hinweg die Spindel!
Meine Sänger sollst du mir nicht knechten,
Geh mit deinem lustigen Gesindel! –

Aber nein! auch sie, die armen Sklaven,
Die nur du zu solchem Dienst gezwungen,
Sie auch sollst du mir nicht länger strafen, –
Offen ist's: – heraus, heraus, ihr Jungen!
Nicht umsonst verlieh euch Gott die Flügel
Und den freien Klang der frommen Seelen;
Schwingt euch wieder über Tal und Hügel,
Und entweiht nicht eure reinen Kehlen.

Da ist euer Reich in Gottes Saale,
Nicht dort drin im dumpfen Stubenqualme!
Nicht wahr, das tut wohl im Sonnenstrahle?
Ja, – das freie Lied nur wird zum Psalme!« –
Und so öffnet er die Bauer alle,
Bis der Vögel letzter ausgeflogen. –
»So – jetzt geh und lern aus ihrem Schalle,
Was es heißt: um Freiheit sein betrogen!« –

Jener geht, obwohl mit leeren Bauern,
Ruhig fort, als ging' er eben gerne;
Immer sieht er noch den Förster lauern,
Plötzlich hält er an und ruft von ferne:
»Nicht wahr, Freund, hier scheiden sich die Raine,
Und ihr dürft mich jenseits nicht mehr greifen?« –
Jener nickt, – da setzt sich der am Steine
Ruhig hin und hebt nun an zu pfeifen.

Sieh – und plötzlich flattert's zu ihm nieder,
Seine Vögel sind's, die wohlerzognen;
Alle kehren sie gehorsam wieder,
Keiner fehlt von all den weggeflognen;
In die offnen Bauer hüpfen alle,
Gleich als wären sie zu Hause drinnen,
Und umtönt von ihrer Lieder Schalle
Geht der Vogelsteller stolz von hinnen.

Und der Förster sieht's und ruft empöret:
»Geh, und nimm sie mit, ich fühl's mit Grollen,
Daß die Freiheit nicht für die gehöret,
Welche selber nimmer frei sein wollen!
Wie das klingt und schallt im Sonnenlichte,
Wie das hüpft und fliegt in lauen Strahlen! –
Schlecht nur hätten so servile Wichte
Da gepaßt zu meinen Liberalen!« –