Johann Gabriel Seidl

Blumeneid

Wo eine Blume wächst, dort ist ihr Boden,
Wär's nicht ihr Boden, wüchse sie nicht dort;
Sei's eine unerforschte Felsenritze,
Sei's eine unerstiegne Alpenspitze,
Es ist und bleibt ihr lieber Heimatort,
Und wann sie blühn soll, blüht sie dort vom Herzen,
Und soll sie welken, welkt sie ohne Schmerzen.

Da setzt der Mensch sie oft in fremden Boden,
Und lehrt sie blühn und welken, wann's ihn freut,
Lehrt sie zu bunten Zwittern sich verflachen,
Lehrt sie im Winter Frühlingsmienen machen,
Lehrt sie verleugnen ihre Schüchternheit,
Und fühlt sich um so lüsterner vergnüget,
Je künstlicher sie sich und ihn belüget.

Seh ich im Frei'n auf liebem Mutterboden
Vorm Treibhaus so die Wiesenblumen stehn,
So scheinen sie mir stets, halb mit Bedauern,
Halb mit Verachtung, inner diesen Mauern
Die Schar abtrünn'ger Schwestern anzusehn,
Und ihnen zuzuwehn voll bittren Leides:
»Ihr habt vergessen eures Blumeneides!« –

»»Treu bleiben wollen wir dem Heimatboden,
Wir wollen blühn auf ihm, – wo nicht, vergehn!
Ein Sturm kann uns verstreun, ein Hagel knicken,
Ein Fuß zertreten, eine Hand uns pflücken,
Schmerzvolle Lieb' uns auf die Gräber sä'n,
Ein Bräutchen uns in seine Locken flechten, –
Wir wollen sterben – und mit niemand rechten!

Was Blum' ist, kann getrennt vom Heimatboden
Wohl welken, aber sich verleugnen nicht;
Wir wollen frei vergnügen und verschönen,
Doch nicht um Augendienst in Kerkern frönen,
Bei Ofensonnen und bei Scheibenlicht!««
»Abtrünnige, heraus aus euren Grüften!
Wie stirbt sich's süß in Gottes freien Lüften!«