Johann Gabriel Seidl

Das Erbstück

Einst hatt' ein Ritter von leichtem Blut
Ein herziges Liebchen, gar treu und gut,
Er aber hatte für Treue nicht Sinn,
Und stürmte durchs Leben im Taumel dahin.

Was galten ihm Tränen? Er hielt sie für nichts,
Als Perlen zur Zierde des schönen Gesichts.
Was fragt er um Seufzer? Ihm waren sie Lust;
Sie schwellten ja lieblich die wogende Brust.

Und Schwüre zu leisten, was rührt es ihn viel?
Und Schwüre zu brechen, es war ihm ein Spiel.
Wie hold von Gestalt, so vom Herzen verkehrt:
Sein herziges Liebchen, er war es nicht wert. –

Das aber gibt den Verlornen nicht auf,
Sein Teuerstes schlägt es für ihn in den Kauf,
Für ihn nur hat es im Herzen Raum:
Und weibliche Treue, sie ist kein Traum.

Es findet nicht Ruh', es findet nicht Trost,
Es welkt wie ein Blümchen im Mainachtfrost,
Und denkt noch erbleichend und todesmatt
Des Bösen, der es verschuldet hat.

Ein silberner Becher gar zierlich und fein,
Der sollt ihm ein heiliges Erbstück sein,
Den schickt sie vom Totenlager ihm zu, –
Dann legt sie das Herz, das gebrochne, zur Ruh'.

Was kümmert der Becher den wüsten Mann?
Er nimmt ihn lächelnd, er sieht ihn nicht an,
Er stellt ihn abseit und fragt nicht danach,
Was etwa die Geberin sterbend sprach. –

Und Jahre vergehn, und kein Ritter gedenkt
Des Bechers und deren, die ihn geschenkt,
Nur manchmal noch tritt durch der Träume Flor
Ihr blasses Bild gespenstisch hervor.

Von Liebe zu Liebe mit stürmischem Sinn
Wankt taumelnd der Unersättliche hin,
Nichts kann ihn binden, nichts haftet, nichts bleibt,
Wie die Wolke, die neckend der Ostwind treibt.

Doch endlich trifft er auf seiner Bahn
Ein Weib, das hat es ihm angetan;
Ein Weib so flüchtig, so wild, wie er, –
Das schmiedet ihm Ketten, das fesselt ihn schwer.

Was all die andern gelitten um ihn,
Nun leidet er's selbst um die Siegerin;
Er wirbt und weint, er schmachtet und buhlt,
Und brüstet sich kindisch mit tändelnder Huld.

Und schmücken darf er endlich sein Haus
Und die Braut heimführen mit Saus und Braus,
Von wüsten Gesellen erfüllt sich der Saal,
Die Becher kreisen beim festlichen Mahl.

Da steht, von den Dienern geholt aus dem Schrank,
Auch der silberne Becher voll köstlichem Trank,
Der silberne Becher, das traurige Pfand, –
Schon führt ihn die Braut an der Lippen Rand.

Doch sieh! was wird sie auf einmal so blaß,
Was starrt sie hinein in das funkelnde Naß?
Was stößt sie zürnend mit wütigem Sinn
Den Becher, verschüttend, dem Bräutigam hin?

Er faßt ihn erschrocken, er starrt durchs Naß
Auf den Grund des Bechers, bald rot, bald blaß;
Denn ein Bild ist gemalt auf den silbernen Grund,
Ein bekannter Blick, ein bekannter Mund;

Bekannte Wangen so schön und bleich,
Ein Gesicht voll Vorwurf und Milde zugleich,
Darüber die Tropfen wie Tränen stehn,
Als wollten sie jetzt noch um Treue flehn.

Der Ritter sieht es wie festgebannt,
Das Erbstück birgt er verstört ins Gewand,
Und ob ihn auch krampfhaft die Braut umfaßt,
Fort stürzt er vom Mahl in verzweifelter Hast.

Das war wohl ein trauriger Hochzeitschmaus,
Die Braut flieht wütend das schmähliche Haus;
Die Gäste wandeln suchend umher,
Den Bräutigam aber fand keiner mehr.