Johann Gabriel Seidl

Ansichten

»Freund, da hilft kein Widerstreben,«
Also schallt es rings mir zu,
»Willst du mit der Zeit nicht leben,
Glaub, umsonst nur lebtest du.

Sieh die jüngern, rasch gewonnen
Haben sie's im kühnen Schwung,
Und die ältern, klug besonnen,
Tun, so gut sie's können, jung.

Soll man dich nicht fallen lassen,
Stimme deine Saiten um;
Wie man's liebt, so mußt du's fassen,
Besser vorlaut sein, als stumm.

Reiß dich los von all dem Plunder,
Der so alt ist wie die Welt;
Jeder Tag bringt neue Wunder,
Und das neue nur gefällt.

Keck ins Leben mußt du tauchen,
Greifen in das Rad der Zeit,
Fleisch und Blut ist's, was wir brauchen,
Poesie der Wirklichkeit!« –

Habet Dank für eure Lehre,
Was ihr wollt, weiß ich genau;
Rudert auf bewegtem Meere,
Klammert euch an jedes Tau.

Haschet jeden flücht'gen Funken
Gierig auf und facht ihn an,
Und genießt entzückungstrunken,
Was die Zeit euch bieten kann;

Aber wehrt mir nicht zu denken:
Jede Zeit hat ihre Zeit,
Was sie hat nur kann sie schenken,
Glänzende Vergänglichkeit.

Mehr als auf manch neues Wunder,
Das nur, weil es neu, gefällt,
Bau' ich drum auf jenen Plunder
Weil er alt ist, wie die Welt.

Und so laßt denn meinem Streben,
Wird's auch mehr als Streben nie,
Als Devis' in Kunst und Leben:
»Wirklichkeit der Poesie!«