Johann Gabriel Seidl

Das welke Blümchen

Wie kommt's, du welkes Blümchen,
Daß du noch teuer mir bist,
Wiewohl die Zeit, da du blühtest,
Schon längst vorüber ist?

Du wardst, ich weiß es, von schönen,
Von warmen Händen gepflückt;
Du hast die lieblichste Hülle
Des feurigsten Herzchens geschmückt!

Du siedeltest duftend über
Aufs treueste Herz, auf mein's;
Du schienst mir das blühende Siegel
Des untrennbarsten Verein's!

Doch Blumen müssen verwelken,
Und Siegel brechen entzwei,
Und Mädchen besinnen sich anders,
Und Jünglinge weinen dabei. —

Wem pflückt nun die Hand wohl Blumen,
Die, Blümchen, dich mir gepflückt?
Und wem schlägt jetzt wohl der Busen,
Den du einst, Blümchen, geschmückt?

Und dennoch bist du mir teuer,
Und bleibst mir ein heiliges Pfand,
Nicht deren, für die ich empfunden,
Nein dessen, was ich empfand.

Mir scheinen die welken Farben
Mit Einem wieder so blau, —
Und da ich dich sinnend betrachte,
Fällt etwas auf dich, wie Tau.

Ich kann mich nicht von dir trennen,
Du bleibst mir ein heiliges Pfand:
Denn Liebe hat dich gegeben,
Nur nicht durch die rechte Hand!