Johann Gabriel Seidl

Allerseelentag

Lichter flimmern gleich den Sternen
Auf des Kirchhofs stiller Flur,
Seufzer suchen in den Fernen
Lieber Toten teure Spur.

Wehmutstropfen tauen nieder
Auf das herbstlich fahle Kraut,
Und die Trauer findet wieder,
Was sie Gräbern längst vertraut.

Herzliche Gebete ringen
Aus der tiefsten Brust sich los,
Sehnsuchtsvolle Wünsche dringen
In der Hügel düstren Schoß.

Denkt nur an die Lieben alle,
Deren ihr so selten denkt,
Denen ihr im Lebensschwalle
Selten mehr ein Tränchen schenkt!

O gar dankbar sind die Toten,
Glaubt mir, treu und liebevoll,
Und gewißlich überboten
Wird von ihnen euer Zoll.

Wenns am Himmel Nachts dann flimmert,
Während ihr an Gräbern kniet,
Denkt, was über euch so schimmert,
Sei nicht, was das Auge sieht!

Sterne, meint ihr, sein es, Sterne,
Sanft gekost vom Hauch des Wind's;
Lichter sind es in der Ferne,
Stille Gräberlichter sind's.

Gräberlichter, von den Teuern,
Die ihr wähnt im Totenreich,
Angezündet nun zu Feuern
Der Erinnerung an euch.

Denn sie sind nicht tot, — sie schweben
Lebend dort, und sehn herab; —
Wir sind tot im Erdenleben,
Und die Erd' ist unser Grab.

Und am Allerseelentage
Denken sie an uns zugleich:
Wie für sie hier eure Klage,
Tönt dort ihr Gebet für euch.