Johann Gabriel Seidl

Bescheidener Zauber

Könnt' ich zaubern, süßes Mädchen,
Ach! dann wär' es wohlbestellt!
Keine Throne, keine Schätze,
Keine schönre, beßre Welt!
Nur ein Haus, umrankt von Reben,
Rosenstrauch und Silberflut,
Und dazu ein freies Leben, —
Könnt' ich zaubern, dann wär's gut!

Doch wozu ein eignes Häuschen,
Silberflut und Rosenstrauch?
So ein stilles, unbelauschtes,
Trautes Stübchen tät' es auch!
Ruht sich's gleich ein wenig härter,
Liebe fragt nicht, wo sie ruht; —
Armen ist der Reichtum weiter,—
Könnt' ich zaubern, dann wär's gut!

Doch wozu ein eignes' Stübchen,
Das vor Lauschern uns bewacht?
Hat man nur sein eignes Liebchen,
Hat man nur die Gunst der Nacht!
Rosenlauben, Fliederhecken
Dienen uns zur sichren Hut:
Liebe weiß sich zu verstecken, —
Könnt' ich zaubern, dann wär's gut!

Doch wozu das Alles, Alles?
Weit bescheidner zaubert' ich!
Könnt' ich zaubern, süßes Mädchen,
Dann umschläng' und küßt' ich dich;
Und der kurzen Küsse kleinen,
Bald verschwundenen Genuß
Schuf ich zaubernd um in — Einen,
Aber — einen ew'gen Kuß!