Geoffrey Chaucer

Das Parlament der Vögel

Übersetzt von Adolf von Düring

Das Leben kurz, die Kunst so lang zu lernen,
So hart der Angriff und der Sieg so schwer,
Die Lust, nur nah'nd, um rasch sich zu entfernen,
All dies zusammen — mein' ich — Liebe wär',
Die mich beklemmt und mein Gefühl so sehr
Betäubt, daß ich — senkt sich auf sie mein Sinn —
Kaum weiß, ob wachend, ob im Schlaf ich bin.

Blieb mir persönlich fremd auch Amors Wesen
Und wie er seinem Volke zahlt den Lohn,
Hab' ich in Büchern dennoch oft gelesen
Von seinem Zorn und seinen Wundern schon.
Gern säß' er — las ich — auf dem Herrscherthron,
Wie schwer er trifft, nicht zu entscheiden wag' ich;
Doch solchen Herrn beschütze Gott! — Das sag' ich.

Nach altem Brauch aus Lust und Wissensdrange
Las ich in Büchern — wie erwähnt — schon viel.
Warum ich dies erzähle? — Nun, nicht lange
Ist's her, daß auf ein Buch mein Auge fiel
— Gewissen draus zu lernen, war mein Ziel —
Und gerne möcht' ich das in alten Lettern
Geschriebne Buch den ganzen Tag durchblättern.

Aus alten Feldern — sagt man — sehn das neue
Getreide sprießen wir Jahr aus, Jahr ein.
Aus alten Büchern kommt auch — meiner Treue! —
Uns alle neue Wissenschaft allein.
Doch um zu sagen, was von vornherein
Im Sinn ich trug: wie ein Moment mir schien
Der Tag vor Lust beim Lesen zu entfliehn.

Doch Euch berichten will ich jetzt den Titel
Von dem besagten Buch. Es war benannt:
»Tullius, vom Traum des Scipio«, und Capitel
Besaß es sieben, drin geschildert stand
So Höll' und Himmel wie der Erde Land
Sammt deren Seelen. — Und so kurz ich kann,
Zeig' ich im Umriß Tullius' Meinung an.

Erst wird erzählt, wie Scipio gekommen
Nach Afrika zu Massinissa sei,
Der ihn erfreut in seinen Arm genommen;
Und dann sagt Tullius, wie beglückt die Zwei
Sich unterhalten, bis der Tag vorbei;
Und wie sein Ahnherr Afrikanus ihn
Zur Nacht besucht' und ihm im Traum erschien.

Und darauf folgt, wie hoch aus Sternenkreisen
Karthago Afrikanus ihm gezeigt,
Um ihn in güt'ger Art zu unterweisen,
Wie Jeder, klug und niedrig, der geneigt
Sei, das zu thun, was uns zum Wohl gereicht,
Des Weges zieh' zu einem Segensort,
Wo Freude sei stets endlos fort und fort.

»Wie? andern Orts den Todten« — Scipio fragte —
»Wohnung und Leben noch bereitet ist?«
»Ja, ohne Zweifel!« — Afrikanus sagte —
»Denn unsres gegenwärt'gen Lebens Frist
Ist nur ein Todesweg, den man durchmißt.
Durch Tod zum Himmel führt des Frommen Lauf.«
— Und dann wies er zur Galaxie hinauf

Und zeigte, wie so winzig im Vergleiche
Zur Himmelsmasse sei der Erde Land,
Und wie- darauf ihm die neun Sphärenreiche;
Worauf sein Ohr die Melodie verstand,
Die ihrer dreimal Dreizahl sich entwand,
Die Quelle der Musik und Melodie
Auf Erden ist und Grund der Harmonie.

Dann rieth er ihm, dieweil so klein und enge
Die Erde sei und so voll Noth und Qual,
Daß er sein Herz an diese Welt nicht hänge,
Und sagte: Nach gewisser Jahre Zahl
Käm' jeder Stern zum Punkte noch einmal,
Wo er zuerst gewesen; und verbleiben
Würd' keine Spur von unserm Erdentreiben.

Daß von dem Pfad zum Himmelsheil erzähle
Ihm Afrikanus Alles, Scipio bat.
»Zunächst unsterblich wisse Deine Seele,
Und dann« — sprach er — »geschafft durch Sinn und That
Zum allgemeinen Besten, und den Pfad
Verfehlst Du nicht, und wirst geschwind erstreben
Den theuren Ort, wo reine Seelen leben.«

»Doch, wahrlich, Brecher des Gesetzes werden,
Wie jeder Lüstling, der dem Tod verfällt,
In Pein umhergewirbelt hier auf Erden
Bis zu dem Untergange mancher Welt,
Und bis Vergebung ihre Schuld erhält.
Dann kommen sie zum Ort des Heils am Ende,
Zu dem auch Gott einst Treuverliebte sende!«

Zu Ende ging der Tag; und wie den Thieren
Zu ruhn gebot die nächt'ge Dunkelheit,
Verbot sie mir, im Buche zu studiren,
Und für das Bett zog drum ich an mein Kleid,
In schwer gedankenvoller Müdigkeit.
Was ich nicht wollte, hatt' ich; doch mir fehlte,
Was mit dem Wunsch zu haben mich beseelte.

Doch Ruhe fand mein müder Geist am Ende,
Erschöpft vom Tagewerk, das ich gethan;
Und tief in Schlaf versank ich dann behende,
Und, träumend, sah ich Afrikanus nahn.
In gleicher Haltung, wie vor Zeiten sahn
Ihn Scipios Augen, schritt zur Lagerstätte
Er auf mich zu und stand vor meinem Bette.

Auf seinem Pfühle ruh'nd, zum Waldreviere
Zurück im Geist der müde Jäger kehrt,
Der Richter träumt, daß er Processe führe,
Der Fuhrmann träumt, wie er den Karren fährt,
Vom Gold der Reiche, der Soldat vom Schwert.
Der Kranke träumt, daß er vom Weinfaß trinke,
Der Liebende, daß Frauenhuld ihm winke.

Nicht sagen kann ich, ob der Grund gewesen,
Daß Afrikanus in dem Traume mir
Erschien, weil ich zuvor von ihm gelesen;
Jedoch er sprach: »Es war so brav von Dir,
In dem zerrissnen, alten Buche hier,
Das einst Makrobius hoch hielt, zu studiren,
Daß etwas Lohn wird Deinem Fleiß gebühren.«

O, süße Segenspenderin Cythere,
Bezwingen kann, wen will, Dein Feuerbrand!
Du sandtest diesen Traum mir; drum gewähre
Auch Hülfe mir, wie Du zumeist im Stand.
So wahr wie ich, zum Nordnordwest gewandt,
Zu schreiben anhub meine Traumvision,
Leih' Du auch Kraft für Reim mir und Diction!

Besagter Afrikanus trug in Schnelle
Mich dann zum Thor von einem Parke fort,
Den rings umgaben große Quaderwälle;
Und über jedem Halbthor standen dort
In großen Lettern Verse, die nach Wort
Und Sinn—so dünkt mich—höchst verschieden waren,
Und ihren Inhalt sollt Ihr gleich erfahren.

»Durch mich geht man zum Orte voller Wonnen,
Der Herzen heilt und Todeswunden feit;
Durch mich geht man zum Heil- und Gnadenbronnen,
Wo lustig grünt beständ'ge Maienzeit;
Dies ist der Weg zur Glückesherrlichkeit.
Sei froh, Du Leser, laß Dein Sorgen sein,
Geöffnet bin ich, eile Dich, tritt ein!«

»Durch mich geht man« — sprach dann die andre Seite.—
»Zum Todesstoß des Speeres, den Gefahr
Mit der Verachtung handhabt in dem Streite,
Wo jeder Baum an Blatt und Frucht stets bar;
Zur Sorgenpfütze führt mein Lauf, führwahr,
Wo Fische trockne Kerkerqualen leiden.
Kein Mittel giebt's, als mich zu fliehn, zu meiden!«

Und auf die goldnen und die schwarzen Zeichen
Der Verse staunend ich zu schau'n begann.
Der eine machte mich vor Furcht erbleichen,
Und bei dem andern fühlt ich mich als Mann;
Der ließ mich heiß und jener kalt mich an.
Und zwischen Eintritt, Flucht — Verlust, Gewinn
Aus Furcht vor Irrthum schwankend blieb mein Sinn.

Ganz wie, wenn zwischen zwei Magnete legen
Von gleicher Stärke wir ein Stückchen Stahl,
Die Kraft ihm fehlen muß, sich zu bewegen
— Denn sie ziehn an und halten es zumal —
So ging es mir. — Was war die beste Wahl?
Flucht oder Eintritt? — Doch zur offnen Pforte
Schob mich mein Führer und sprach diese Worte:

»Geschrieben steht, willst Du's auch nicht gestehen,
Dein Irrthum Dir im Antlitz. Doch nicht bang
Sei vor dem Ort. Die Inschrift, die wir sehen,
Gilt nicht für Dich, nein, ist nur von Belang
Für Amors Volk. Verloren hast Du lang
Geschmack an Liebe — so läuft mein Gedanke —
Wie den von Süß und Bitter hat der Kranke.«

»Jedoch — obwohl höchst schwach nur Dein Verstand ist —
Was Du nicht thun kannst, magst Du dennoch sehn;
Denn Mancher, der zu ringen nicht im Stand ist,
Mag zu dem Schaukampf mit Vergnügen gehen
Und wetten, wer als Sieger wird bestehn;
Und wäre dichterische Kraft Dir eigen,
Könnt' ich zum Schreiben vielen Stoff Dir zeigen.«

Und seine Hände dabei meine drückten,
So daß ich Trost empfand und weiter schritt.
Doch Herr! so froh war ich, und hoch entzückten
Mich überall, wohin mein Auge glitt,
Die Bäume, die, je nach der Gattung mit
Beständ'gem Grün bekleidet, wie Smaragden
Frisch schillerten, gar herrlich zu betrachten.

Die Hartholz-Esche, wie die Bauherrn-Eiche
Die stämm'ge Rüster für den Leichenschrein,
Die Bogner-Eibe, wie die trauerreiche
Cypresse, Schaftholz-Espe, trunkner Wein,
Die Prügel-Weide, Buxus für Schalmei'n,
Der Tanne Mast, des Oelbaums Friedenspfand,
Des Siegers Palme, Lorbeerbaum genannt.

Voll Blüthenzweigen einen Garten prangen,
Sah ich an einem Fluß in grünen Au'n
Voll ew'gen Wohlduft; denn an Blumen sprangen
Genug der weißen, gelben, rothen, blau'n;
Und kleine zarte Fische konnt' ich schaun
Mit Silberschuppen und mit rothen Flössen
In kalten Bächen, die lebendig flossen.

Auf jedem Zweige hört' ich Vögel singen
Mit Engelstimmen in harmon'schem Klang,
Beschäftigt, ihre Brut hervorzubringen;
Zum Spiel behende das Kaninchen sprang.
Von fern sah ich das Reh, so scheu und bang,
Bock, Hindin, Hirsch, das Eichhorn und die Masse
Der kleinen Thierwelt edler Art und Klasse.

Von Saitenspiel drang lieblich in Accorden
Der süße Klang an mein entzücktes Ohr,
Wie schöner — denk' ich — er vernommen worden
Selbst von des Weltalls Schöpfer nie zuvor!
Und stimmend zum Gesänge, den empor
Die Vögel sandten, rauschte dabei lind,
Oft säuselnd nur, durch grünes Laub der Wind.

So milde war die Luft an jenem Orte,
Daß lästig wurde weder heiß noch kalt.
Heilsames Gras und Würzkraut jeder Sorte
Wuchs dort; und Niemand wurde krank und alt.
Dort war in tausendfältiger Gestalt
An Freude mehr als jemals zu beschreiben,
Nie ward es Nacht, stets schien es Tag zu bleiben.

Und unter einem Baum saß — ungelogen! —
An einer Quelle, schmiedend Pfeil auf Pfeil,
Cupido. Ihm zu Füßen lag sein Bogen,
Und seine Tochter stählte mittlerweil'
Im Quell die Bolzen, sie mit harter Feil'
Dann schärfend; denn es sollten ihre Spitzen
Bald tödten, bald verwunden oder ritzen.

Die Heiterkeit erblickt' ich dicht daneben,
Dann Lust und Zier und Höflichkeit; und dann
Sah ich die Schlauheit, der die Macht gegeben,
Zur Thorheit hinzureißen Jedermann;
Entstellt war sie — wie ich nicht läugnen kann.
Für sich im Schatten einer Eiche stand
Die Wonne — dünkt mich — an der Anmuth Hand.

Und schmuck gekleidet, sah ich Schönheit prangen
Und Jugend, voller Lust und Spielerei;
Sah Schmeichelei, Dummdreistigkeit, Verlangen,
Botschaft, Vermittlung und noch andre drei,
Von deren Namen hier geschwiegen sei;
Und einen Tempel aus Krystall, getragen
Von mächt'gen Jaspersäulen, sah ich ragen.

Rings um den Tempel tanzten Weiberschaaren,
Die einen lieblich von Gestalt, fürwahr!
Die andern heiter, und in Flatterhaaren
Und leicht bekleidet eine jede war.
— Das war ihr Dienst, beständig Jahr für Jahr —
Und auf des Tempels Zinnen konnt ich sehn
Viel Hunderte von Tauben, weiß und schön.

Und vor dem Tempelthor saß ernst, gelassen
Frau Frieden, ein Panier in ihrer Hand
Und, wunderbar bescheiden, mit dem blassen
Und bleichen Antlitz Frau Geduld ich fand
Dort neben ihr auf eines Hügels Sand.
Zunächst, bald drinnen und bald draußen, waren
Ordnung und Kunst und ihres Volkes Schaaren.

Und feuerheiße Seufzertöne draugen
Vom innern Tempel mir ins Ohr hinein.
Neu weckten sie, als Kinder vom Verlangen,
Der Flammen Brand auf jedem Altarschrein.
Indessen später leuchtete mir ein,
Daß alle Sorge, die sie leiden machte,
Die bittre Göttin Eifersucht entfachte.

Im Weitergehn sah ich auf hoher Stätte
Gott Priapus, der dort bekleidet stand,
Als ob des Esels Schrei aus seinem Bette
Ihn Nachts geschreckt, den Scepter in der Hand.
Geschäft'ges Volk umgab ihn und umwand
Sein Haupt mit neuen, frischen Blumengarben,
Zum Kranz vereint, in mannichfalt'gen Farben.

Und scherzend fand ich dort im trauten Winkel
Venus mit Pracht, als ihre Pförtnerin,
Die vornehm war und voller Hochmuthsdünkel.
Der Platz war dunkel, aber späterhin
Schien er mir lichter, als im Anbeginn;
Und schlummernd lag auf goldner Ruhebank
Sie, bis im West die heiße Sonne sank.

Zusammen hielt ein gülden Band am Schopfe
Ihr aufgelöstes, goldig gelbes Haar;
Sonst bot, fürwahr, vom Busen bis zum Kopfe
Sie nackend sich jedwedem Blicke dar.
Nur ein Valentia-Schleier, dünn und klar
Den Rest umhüllte. — Mir zur Augenweide
War sie beschützt von keinem dichter'n Kleide.

Süß dufteten dort tausend Wohlgerüche;
Bei ihr saß Bacchus, als der Gott vom Wein,
Und Ceres, als Versorgerin der Küche,
Und Amor lag inmitten von den Drei'n;
Und knieend flehte, Beistand ihr zu leihn,
Zu ihm die Jugend. — Doch ich ließ sie flehen,
Um mich im Tempel weiter umzusehen.

Zerbrochen hing, Dianens Keuschheit höhnend,
Der Bogen manches Mädchens dort am Wall,
Die ihre Zeit, dem Dienst der Göttin fröhnend,
Vergeudete. Gemalt von manchen Fall
War die Geschichte. Doch ich weiß nicht all
Die Namen mehr. Von denen, die ich kannte,
Führ' ich hier an: Callisto, Atalante,

Kleopatra, Semiramis, Isolde,
Herkules, Tristram, Thirbe, Pyramus,
Achilles, Paris, Helena, die holde,
Byblis, Dido, Canace, Troilus,
Mitsammt der Silvia, die den Romulus
Geboren. — Liebe, Leid und Ende stand
Gemalt von allen auf der andern Wand.

Als ich zum lieblich grünen Platze wieder
Zurückgekehrt, von dem erzählt vorhin,
Ging ich, mich zu zerstreun, dort auf und nieder,
Und sitzen sah ich eine Königin;
Und wie vom Sommersonnenschein weithin
Der Sterne Lichter übertroffen werden,
War schöner sie als jedes Weib auf Erden.

Auf rings umgrüntem Blumenhügel thronte
Dort diese hehre Göttin der Natur.
Erbaut war Hall' und Laube, wo sie wohnte,
Nach ihrer Kunst und Art aus Zweigen nur;
Und um sie drängten zur Audienz und Cour,
Des Urtheils harr'nd, sich aller Vögel Schaaren,
Die je gezeugt und je geboren waren.

Denn Feiertag Sankt Valentins war's eben,
An dem zur Gattenwahl nach diesem Ort
Sich alle Vögel, die man kennt, begeben;
Und solch ein Lärm ertönte fort und fort,
Und Land und Teich und Baum und See war dort
So überfüllt, daß Platz zum Stehen kaum
Mir übrig blieb. — So voll war rings, der Raum.

Und grade wie Alanus im Gedichte
»Planctus naturae« sie uns schildert, in
Demselben Kleid, mit selbem Angesichte
Stand anmuthsvoll die edle Kaiserin
Und wies die Vögel zu den Plätzen hin,
Die Jahr für Jahr sie immer eingenommen,
Sobald der Tag Sankt Valentins gekommen.

Am höchsten nämlich saß das Raubgevögel,
Worauf die Schaar der kleinern Vögel kam,
Die — wie es vorschreibt des Instinktes Regel —
Von Würmern lebt und unnennbarem Kram.
Das Volk der Körnerfresser aber nahm
Im Rasen Platz, und unten tief im Thal
Die Wasservögel. — Endlos schien die Zahl.

Den Königsadler konnt' ich dort gewahren,
Deß scharfes Auge durch die Sonne dringt,
Sammt jeder Art von minder edlen Aaren,
Von der ein Kund'ger uns nur Nachricht bringt.
Auch den Tyrannen, grau und braun beschwingt,
Den Gänsehabicht sah ich, den zu plagen
Die Vögel treibt sein nimmersatter Magen.

Dort war der Edelfalke, dessen Klauen
Mehr leisten, als des Königs Meute kann.
Den Wachtelfeind, den Sperber, konnt' ich schauen,
Den Lerchenjäger Baumfalk traf ich an,
Die Taube mit den sanften Augen, dann
Den eifersücht'gen Schwan, der sterbend singt,
Den Kauz, der uns die Todesbotschaft bringt.

Sodann der Riesenkranich, der Trompeter,
Die Plapperelster, Diebin Dohle kam,
Der falsche Kiebitz und der Aaletödter,
Der Reiher und Rothkehlchen sanft und zahm,
Der Staar, der gern verräth, was er vernahm,
Die Memme Hühnerweih', der Spötter Häher,
Des Dorfes Uhr und Glocke: Hahn, der Kräher.

Der Venussohn, Freund Spatz und Philomele,
Die neu ins Leben ruft das frische Laub,
Frau Turteltaube mit der treuen Seele,
Die Schwalbe, die nach Bienchen geht auf Raub,
Die Honig ziehn aus frischem Blüthenstaub,
Der Pfau mit seiner Engelsfederpracht
Und der Fasan, des Hahns Rival zur Nacht.

Die Schildwach-Gans, der Kuckuk, stets verdrossen
Und lieblos, und der leckerhafte Specht,
Der Entrich, der Vertilger seiner Sprossen,
Der Storch, der jeden Ehefrevel rächt,
Der Vielfraß Galgenvogel. — Vom Geschlecht
Der Sorgenkrächzer sah ich Rab' und Krähe,
Die alte Drossel und die frost'ge Sprehe.

Was soll ich sagen? — Vögel jeder Sorte,
Die in der Welt geformt, befiedert nur,
Vermochte man zu sehn an jenem Orte,
Vor dieser edlen Göttin der Natur;
Und jeder sorglich, liebevoll verfuhr
Auf ihren Rath zu treffen seine Wahl,
Er für die Gattin, Sie für den Gemahl.

Doch nun zum Punkt. — Aus edelstem Geblüte
Hielt hoch empor Natur auf ihrer Hand
Ein Adlerfräulein, das an Lieb' und Güte
Sie als ihr höchst vollkommnes Werk erfand;
In dem sich Reiz mit Jugend so verband,
Daß selbst Natur ihr Anblick hoch beglückte,
Die manchen Kuß auf ihren Schnabel drückte.

Natur, der Amtsverweser des Allmächt'gen,
Die heiß und kalt, feucht, trocken, leicht und schwer
Zusammenwob nach Gleichmaß zu so prächt'gen
Accorden, sprach mit leichtem Ton nunmehr:
»Schenkt, Vögel, bitte, meinem Wort Gehör!
Zu Eurer Wohlfahrt, Eure Noth zu heilen
Will ich, so rasch ich reden kann, mich eilen.«

»Ihr wißt, nach meinem Willen und Befehle
Kommt Ihr am Tag vom heil'gen Valentin,
Um, wie ich Euch mit Lust dazu beseele,
Euch hier zu paaren und dann fortzuziehn.
Indeß, von dem, was einmal Recht mir schien,
Weich' ich nicht ab, könnt' ich die Welt gewinnen;
Und demnach soll der Würdigste beginnen.«

»Euch steht an Rang der Adler rings im Kreise
Als Königsvogel, wie Ihr wißt, voran.
Verschwiegen, würdig, treu wie Stahl und weise
Erschuf ich ihn nach meiner Lust, wie man
An jedem Gliede wohl gewahren kann.
— Nicht Noth thut's, daß ich seine Form beschreibe. —
Die erste Wahl, das erste Wort ihm bleibe!«

»Und classenweise nach der Reihe wählen,
Wie's ihm beliebt, soll Jeder hinterdrein;
Und je nach Glück, bald treffen und bald fehlen.
Doch wen umstrickt die größte Liebespein,
Dem schenke Gott ein Weibchen, das allein
Nach ihm nur seufzt! « — Den Adler rief sie dann
Und sprach zu ihm: »Mein Sohn, die Wahl fang an!«

»Doch die Bedingung gilt hierbei für Alle,
Die hier versammelt, daß auch sie sich frei
Erklären darf, ob ihr die Wahl gefalle,
Ganz einerlei, wer auch der Freier sei;
So wie alljährlich unser Brauch dabei.
Und wer sich jetzt erringen will die Seine,
Zur Segenszeit an diesem Ort erscheine!«

Gesenkten Haupt's, mit demuthvollster Miene,
Begann darauf der Königsaar sofort:
»Zu meiner Herrin —nicht, daß sie mir diene —
Erwähl' und kür' die Prachtgestalt ich dort
Auf Deiner Hand durch Willen, Herz und Wort!
Nur ihr gehör' ich, dienen will ich ihr,
Ob Tod, ob Leben sie beschieden mir!«

»Um ihre Gunst und Gnade laß mich werben,
Denn meine Herrin ist nur sie allein;
Sonst laß mich hier vor ihren Augen sterben;
Denn sicher, lange trag' ich nicht die Pein.
Durchschnitten sind die Lebensadern mein!
Mein theures Herz! auf meine Treue sehe
Und etwas Mitleid schenke meinem Wehe! «

»Und fände man, daß ich nicht treu ihr bliebe,
Ein Prahlhans sei und ungehorsam ihr,
Kalt gegen sie, und später Andre liebe,
So bitt' ich Dich, sprich dieses Urtheil mir:
Daß mich zerreißen alle Vögel hier
Am selben Tag, an dem es offenbar,
Daß falsch und lieblos gegen sie ich war.«

»So sehr wie ich liebt Niemand sie auf Erden,
Obschon sie nie mir ihr Gefühl gestand.
Drum möge mein durch ihre Huld sie werden;
Denn sie zu fesseln hab' ich sonst kein Band.
Doch ihrem Dienst weih' ich mich unverwandt,
So weit sie's wünscht; kein Weh' mich von ihr wendet!
Sag', was Du willst! — Mein Vortrag ist beendet.«

Ganz wie die frische, junge Rosenblüthe
Im Sommersonnenschein, so roth vor Scham
Das Adlerfräulein ebenfalls erglühte,
Als alle diese Worte sie vernahm.
Nicht Ja, noch Nein aus ihrem Munde kam.
So schüchtern war sie; doch es sprach Natur:
»Nichts fürchte, Kind; bleib' guten Muthes nur!«

Ein zweiter Adler von geringerm Range
Begann und sprach: »Das laß ich nimmer zu!
Bei Sankt Johann! mit gleichem Herzensdrange
Verehr' ich sie, ja besser selbst als Du!
In ihrem Dienst bracht' ich weit länger zu;
Und fände lange Liebe Gegenliebe,
Auch mir allein gewiß der Lohn verbliebe!«

»Auch ich darf sagen, wenn sie als Rebelle,
Als Schwätzer mich erfindet, undankbar
Und eifersüchtig — hängt mich auf der Stelle!
Nehm' ich der Pflicht in ihrem Dienst nicht wahr
Als ihrer Ehre Hüter immerdar
In jedem Punkt, so weit mir Witz gegeben,
Mag all mein Gut sie nehmen und mein Leben!«

Der dritte Adler, der das Wort genommen,
Sprach: »Meine Herr'n, Ihr seht, uns fehlt die Zeit.
Mit seinem Weibe von hier fortzukommen,
Mit seiner Liebsten, jeder Vogel schreit.
Natur selbst horcht bei unsrer Langsamkeit
Nicht halb auf das, was ich Euch zu berichten;
Und red' ich nicht, muß Weh' zu Grund mich richten.«

»Von langen Diensten will ich hier nicht prahlen,
Ob ich vor Leid auch heute sterben kann,
So gut wie jener, der in Liebesqualen
Durch zwanzig Winter seufzte. — Ab und an
Thut bessern Dienst und leistet mehr ein Mann
In kurzer Frist von einem halben Jahr
Als Mancher thut, der lang' im Dienste war.«

»Dies sag' ich nicht für mich — Nichts leisten kann ich,
Um zu erheitern meiner Dame Sinn;
Doch sagen darf ich, daß ihr treuster Mann ich
Und froh gewillt, ihr zu gefallen, bin
Durch kurze Worte, bis mein Leben hin,
Und treu ihr sein will ich in allen Sachen,
Die denkbar sind, im Schlafe wie im Wachen.«

Zeitlebens seit dem Tag, da ich geboren,
Kam mir noch Andern nie ein Liebesstreit
Nie ein Proceß so edler Art zu Ohren.
— O, wer, die Mienen und Beredsamkeit
Zu schildern, hätte nur Geschick und Zeit! —
Vom frühen Morgen, bis die Sonne sank,
Floß wunderschnell stets ihrer Rede Gang.

Der Vögel Schaar, die heiß den Schluß ersehnte,
So lärmend schrie: »Hört auf! und laßt uns fort!«"
Daß rings der Wald erbebte —wie ich wähnte.
»Fort!« — riefen sie. — »Sinnt Ihr auf Ohrenmord?
Verfluchte Schwätzer, sprecht das letzte Wort!
Soll beim Beweisesmangel den Partei'n
Ein Richter glauben auf ihr Ja und Nein

Und auch von Ente, Gans und Kuckuk schallte
So laut der Schrei: »Kek, kek, kuckuk, queck, queck!«
Daß mir der Lärm tief in den Ohren hallte. —
»All dies ist keine Fliege werth!« — sprach keck
Die Gans — »Doch wüßt' ein Mittel ich zum Zweck:
Für alle Wasservögel sprech' ich schlicht
Und schnell den Wahrspruch, ob Ihr's liebt, ob nicht.«

»Für Würmerfrefser« — gab dann zu vernehmen
Der dumme Kuckuk — »sprech' ich insgemein
Kraft meines Ansehns, und will auf mich nehmen
Die Last aus Großmuth, um uns zu befrein.«
»Ei, wartet« — fiel das Turteltäubchen ein —
»Ein Weilchen noch, sofern dies Euer Wille.
— Ein Wicht mag schwatzen, doch schwieg' besser stille.« —

»Ich weiß, ein höchst unwürd'ger Körnerfresser
Bin ich, dem viel an Klugheit nicht geschenkt,
Jedoch ein Wicht hält seine Zunge besser,
Als daß er sich in solche Dinge mengt,
Die er nicht kennt; und wer sich unterfängt
Dies doch zu thun, wird garstig sich beladen,
Denn oft führt unbestelltes Amt zu Schaden.«

Natur, der stets ein offnes Ohr zu eigen
Für das Gemurr' der hintern Pöbelreih'n,
Sprach jetzt mit Rednerstimme: »Ihr sollt schweigen!
Denn bald wird — hoff' ich — Rath gefunden sein,
Dem Lärm zu steuern und Euch zu befrein.
Jedwede Schaar — bestimm' ich — Einen küre,
Der beim Verbiet das Wort für Alle führe.«

Die Vögel sämmtlich einverstanden waren
Mit dem Beschluß. — Das Raubgevögel nun
Erkor zuerst in schlichtem Wahlverfahren
Den Falken, ihre Meinung kund zu thun
— Bei ihm nur solle die Entscheidung ruhn. —
Und der Natur ward vorgestellt er dann,
Und sie nahm freundlich und erfreut ihn an.

Dann sprach der Falk: »Höchst schwierig immer bliebe,
Vernunftgemäß zu führen den Beweis,
Wer wohl zumeist die edle Dame liebe,
Da Jeder derart zu erwidern weiß,
Daß ihn Geschick nicht widerlegt noch Fleiß.
Kaum Nutzen — dünkt mich — Argumente schaffen,
Und hier geboten scheint ein Kampf mit Waffen.«

Die Adler schrie'n: »Wir find bereit zur Fehde!«
»Nein, Herr'n,« — sprach er — »Ihr thut mir Unrecht an!
Erlaubt, ich bin noch nicht am Schluß der Rede;
Denn, bitte, Herr'n, nehmt keinen Anstoß dran,
Nicht wie Ihr wollt, die Sache gehen kann,
Wir stimmen hier, uns ist die Macht verliehen,
Dem Richterspruch müßt Ihr Euch unterziehen!«

»Drum Frieden! — sag ich— denn nach meinem Witze
Scheint mir, das adeligste Blut, die Zier
Der Ritterschaft, reich, mächtig an Besitze,
Der manchen Stoß vollführte, sitzt schon hier
Für sie bereit, gefiel' und paßt' es ihr.
Sie selbst wird — glaub' ich — wissen, wer es sei
Von diesen Drei'n. — Man greift kaum fehl dabei.«

Zum Rath die Köpfe nun zusammenstaken
Die Wasservögel auf geringe Zeit.
Zwar mußte Jeder lang und breit erst quaken,
Doch sprachen sie mit Stimmeneinigkeit:
»Die Gans, voll zierlicher Beredsamkeit,
Die, was uns drückt, so gern wünscht darzulegen,
Soll für uns sprechen. — Gebe Gott ihr Segen!«

Im Kakelton begann die Gans zu reden
Für alle Wasservögel, und sie schrie
Und sagte: »Still! Gebt Acht! Ich warne Jeden!
Jetzt aufgehorcht, welch einen Schluß ich zieh'!
Scharf ist mein Witz, zu zaudern liebt' ich nie.
Wär's auch mein Bruder, sprach' und rieth' ich immer:
Liebt sie Dich nicht, lieb' andre Frauenzimmer!«

»Vollkommne Logik einer Gans!« — versetzte
Der Sperber drauf. — »Ergeh' Dir's schief und krumm!
Die Wirkung loser Zungen seht! — Was schwätzte
Der Narre nur? — Viel besser bliebst Du stumm,
Als Dich zu zeigen so naiv, so dumm!
— So kurz auch Witz und Wollen bei ihm reicht,
Stets bleibt es wahr: Ein Narre niemals schweigt.« —

Die edlen Vögel alle fröhlich lachten. —
Die Turteltaube riefen dann herbei
Die Körnerfresser, wählten sie und machten
Den Wunsch ihr kund, zu sprechen wahr und frei,
Und frugen sie, was ihre Meinung sei.
Und sie versprach: klar, was ihr aufgetragen
Und was sie denke, wahrheitstreu zu sagen.

»Verhüte Gott den Unbestand der Minne!«
— Die Turtel sprach und wurde schamesroth —
»Bei seiner Dame launenhaft'stem Sinne
Ihr immer dienen laßt ihn bis zum Tod!
Traun! solchen Rath, wie ihn die Gans uns bot,
Belob' ich nicht. — Ich nähme keine neue,
Der Meinen wahrt' ich bis zum Tod die Treue!«

»Bei meiner Haube! Trefflich!« — sprach die Ente. —
»Wir sollen lieben, wenn man uns nicht liebt?
Steckt darin Witz? Sind dieses Argumente?
Wie? tanzt man fröhlich, wenn man höchst betrübt?
Ist man besorgt, wenn's nichts zu sorgen giebt?
Quek!« — sprach die Ente — »herrlich klingt es zwar;
Doch giebt's—weiß Gott—mehr Sterne als ein paar.«

»Pfui!« — rief der Edelfalk — »Du fauler Bube!
Was wohl bestellt ist, das erkennst Du nicht!
Dein Wort kommt schlankwegs aus der Düngergrube.
Du sprichst von Liebe, wie der Kauz vom Licht
— Die Helle schwächt, die Nacht schärft sein Gesicht.
Du bist von so gemeinem Stamm und Sinne, —
Du siehst und ahn'st nicht, was die Art der Minne! «

Dann trat der Kuckuk auf und, für die Menge
Der Würmerfresser redend, sprach er schlank:
»Hab' ich mein Weib in Frieden, ist die Länge
Von Eurem Streit für mich nicht von Belang.
Laßt ledig bleiben Alle lebenslang,
Im Falle sie nicht zum Vergleich erbötig.
Dies rath' ich kurz. — Kein Protokoll ist nöthig!«

»Ja, hat der Freßsack nur vollauf im Bauche,
So geht's uns wohl!« — hub an der Lerchenfink. —
»Du Mörder von der Sperlingsbrut im Strauche,
Der Dich gebar, Vielfraß, Dein Leben bring'
Stets einsam zu, Wurmschinder, Jammerding!
Nichts hat bei Mängeln Deiner Art Erfolg;
Geh'!—Bleib', solang' die Welt besteht, ein Strolch!«

»Still! — Ich gebiete hier und hab' vernommen,«
— Sprach die Natur — »die Meinung Aller nun.
Doch da dem Ziel nicht näher wir gekommen,
So will ich schließlich meinen Wahrspruch thun:
Bei ihr allein soll die Entscheidung ruhn.
Erfreu's, betrüb's — sie wähle den nach Neigen,
Der ihr behagt und sei sofort sein eigen.«

»Denn sintemal wir nicht erörtern können,
Wer sie zumeist liebt — wie der Falk schon fand —
Will ich nunmehr ihr diese Gunst vergönnen:
Sie habe den, für den ihr Herz entbrannt,
Es habe sie, wer sein's ihr zugewandt.
So stell' ich's fest, ich, die Natur; mir traut,
Auf keinen Rang mein Aug' verschieden schaut.«

„Doch, wär' ich die Vernunft, würd' ich empfehlen,
Sowie Dir rathen, bei der Gattenwahl
Für Dich den Königsadler auszuwählen,
Den schon der Falke so geschickt empfahl
Als Edelsten und Würdigsten zumal;
An ihm, den ich so schön mir zum Vergnügen
Erschaffen hab', sollt' es auch Dir genügen.«

Das Adlerfräulein gab in scheuem Tone
Zur Antwort: »Herrin! Göttin der Natur!
Ja, unter Deiner Ruthe zweifelsohne
Steh' ich wie jede andre Creatur,
Und Dir gehör' ich lebenslänglich nur;
Und darum meiner ersten Bitte schenke
Zunächst Gehör; dann sag' ich, was ich denke!«

»Bewilligt!« — sprach sie. Und sogleich zu plaudern
Das Adlerfräulein dergestalt begann:
»Allmächt'ge Königin, laß mich noch zaudern
Ein Jahr, damit ich's überlegen kann,
Und freie Wahl laß haben mich sodann.
Nicht mehr noch minder ich zu sagen wüßte;
Mehr hörst Du nicht, und ob ich sterben müßte!«

»Auf keinen Fall möcht' ich im Dienste stehen
Von Venus und Cupido schon vorher.« —
»Nun,«" — sprach Natur — »kann's anders nicht geschehen,
So bleibt für mich hier nichts zu sagen mehr.
Fort, wollt' ich, wär' das ganze Vögelheer,
Ein Jeder mit der Seinen, unverweilt!« —
Und hub dann an, wie hierauf mitgetheilt:

»Zu Euch« — sprach die Natur — »red' ich, Ihr Aare:
Seid guten Muth's und dient ihr alle Drei.
Man trägt nicht allzu hart an einem Jahre.
Betragt Euch gut, weß Rang's auch Jeder sei.
Von Euch — weiß Gott — bleibt sie noch los und frei
Für dieses Jahr, was später auch passirt.
— Dies wird Euch Drei'n als Zwischenmahl servirt.« —

Nachdem Natur dann alles Dies vollzogen,
Ein Weibchen jedem Vogel sie verlieh,
Wie's Beiden paßte; worauf fort sie flogen.
Doch, Herr! wie froh, wie selig waren sie!
Wie sie sich in die Flügel nahmen! wie
Sie ihre Hälschen umeinander rankten
Und der Natur, der edlen Göttin, dankten!

Doch wählten sich, eh' sie von dannen gingen
Die Vögel, wie's alljährlich hergebracht,
Erst Sänger aus, um ein Rondel zu singen,
Zur Lust, zum Preise der Natur erdacht;
In Frankreich war die Melodie gemacht
— So glaub' ich — und was mir im Sinn geblieben
An Worten, steht im nächsten Vers geschrieben.

Qui bien ayme a tarde oublie.    

»Willkommen Lenz, der dieses Winters Kälte
Durch Deine milde Sonne machst zerrinnen!
Sankt Valentin, Du bist der Hochgestellte,
Der lange, schwarze Nächte treibt von hinnen.
Drum singen wir. Du machst uns Muth gewinnen;
Zu Jedem wieder sich sein Weib gesellte.
Das macht uns froh, und unser Lied beginnen
Wir beim Erwachen mit beglückten Sinnen.«

Der Vögel Jauchzen, als das Lied zu Ende,
Und sie von dannen zogen, rief mich wach;
Und, um zu lesen, nahm ich in die Hände
Ein andres Buch, und lese vor wie nach.
Jedoch ich hoff' an irgend einem Tag
Etwas zu lesen, besser noch zu träumen;
Und drum zu lesen werd' ich nie versäumen.