Wolfgang Madjera

Die Seele fleht um Ruhe

O weh, wann wird zerreißen der schwüle Fiebertraum,
Den sie »das Leben« heißen, dieweil es wie der Schaum
Auf grünen Wogenhäuptern jetzt schillernd sich erhebt
Und jetzt, versprüht zu Tränen, im Abgrund sich begräbt?
Wann wird dies eitle Ringen, dies Hoffen und Verzagen,
Das bitt're Abschiednehmen, das Weinen und das Klagen,
Wann wird die Wetterwolke, erfüllt von Qual und Pein,
Versinken und der Himmel dem Auge offen sein?

In meines Leibes Kerker weint sich die Seele tot.
Wohl hinter dem Gemäuer ahnt sie das Morgenrot,
Auf dessen gold'nen Flügeln der Adler taucht ins Licht;
Sie aber liegt in Ketten, entstellt ist ihr Gesicht,
In ihrem Herzen schreit sie, mit Gott sich zu vereinen,
Indessen die Gedanken den Gott in ihr verneinen.
O brächte ein Erlöser in ihres Wahnsinns Nacht
Freiheit von Erdenbanden, nach der sie träumt und wacht!

Und zu sich spricht die Seele, wenn sie mit Schaudern lauscht,
Wie über ihr des Schicksals rastlose Schwinge rauscht:
Mein blinkend Schwert erhob ich in Fehden sonder Zahl,
Hinanzudringen rang ich zum hochgewölbten Saal,
Wo schöngelockte Frauen den Siegespreis der Tugend,
Unsterbliche mir böten den Brautkranz ew'ger Jugend;
Doch unbedankt hier lieg' ich, die Hand schlug man mir lahm,
Rost frißt an meinem Schwerte, wie mich zerfrißt der Gram.

Erloschen sind so viele der Augen lieb und klar,
In denen Stern und Heilung dem oft Geschlag'nen war.
Manch roter Mund erbleichte, und manchen, der gelacht,
Hat Sorge zugeschlossen, hat Alltag stumm gemacht.
Was lohnt sich's, fieberträumend auf Erden fortzuleben,
Wo über jeder Blüte des Todes Engel schweben?
lch sehne mich zu schlafen; blieb dir für mich kein Licht,
Du armer Gott, so wehre mir meinen Schlummer nicht.