Wolfgang Madjera

Kein Loblied auf die Freundschaft

Freundschaft, hehres Wunderwort,
Seit Homer besungen,
Ja, du bist der Dichter Hort
Und der Gassenjungen.

Goethe-Schiller, gottentbrannt,
Sich die Hände reichen;
Max und Moritz, sinnverwandt,
Steh'n im selben Zeichen.

Freundschaft macht den Kleinen groß
Und den Toren weise;
Sie nur ist Gewinner Los
Auf der Lebensreise.

Sei dem Plato gleich an Witz;
Das genügt mit nichten,
Auch nach einem Ehrensitz
Deinen Blick zu richten.

Sei vielmehr der ärgste Tor,
Hohlkopf und Philister;
Freundschaft schnellt dich doch empor
Bis zum Staatsminister.

Habe wie Shakespeare Genie —
Wenn dir Freunde mangeln,
Wird nach deiner Poesie
Kein Direktor angeln.

Doch der Freundschaft Zauberwort
Sprengt Thaliens Tempel —
Und der Maulheld trägt sofort
Der Begabtheit Stempel.

Freundelose Schurkerei
Liefert ins Gefängnis;
Hat man Freunde, heißt's, »hier sei
Schuld nur ein Verhängnis«.

Ja, den Ärmsten, der sein Brot
Redlich will erwerben,
Läßt man, wenn kein Freund sich bot,
Lieber Hungers sterben.

Darum, vielgepries'ne Macht,
Die die Menschen ehren,
Sei kein Opfer dir gebracht
Auf der Kunst Altären.

Denn die Wahrheit und das Recht
Reißest du vom Rosse
Und erniedrigst sie zum Knecht
Deinem breiten Trosse.

Und wer hoffend aufgeblickt
Zu den Glanzgestalten,
Sieht sie schmachvoll tiefgeknickt
Dir die Bügel halten.

Wem das Buch der Weltchronik,
Silbern, bunt bebildert,
Mancher Freundschaft Hochgeschick
Voll Begeist'rung schildert —

O der denke, daß kein Strich
Jene Dulder kündigt,
Gegen deren Rechte sich
Freundschaft schwer versündigt!