Wolfgang Madjera

Anastasius Grün

Zur 100. Wiederkehr seines Geburtstages. (11. April 1906.)

Wenn Frühlingsleuchten lockte, dann schritt durchs Mauertor,
Der dumpfen Stadt entwallend, ein stiller Mann hervor.
Der Vorstadt niedre Zeilen durcheilte schnell sein Schuh;
Es flog das Herz des Wandrers dem Kahlengebirge zu.

Dort will er, wie so manchmal, am steilen Hange stehn
Und auf das Land zu Füßen beglückt herniedersehn,
Vom Dörflein, wo so fröhlich der Pfaffe einst gehaust,
Bis zu dem Giebelmeere, wo buntes Leben braust,

Und weiter längs des Stromes, der wie der Himmel blaut,
Bis in die Nebelfernen, wo Berg an Berg sich baut —
Rings Vogelsang und Zirpen, Geknospe rings und Blühn
Und lindes Zephirfächeln und Duft und Saatengrün.

Wie tief der Lenz, der mächtig die Schöpferschwingen regt,
Dem fahrenden Gesellen die junge Brust bewegt!
Denn, freue sich auch jeder, wenn Frühling ihn umweht —
Den Zauber ganz erfassen kann doch nur der Poet.

Und dieser ist ein Dichter von heiligstem Beruf,
Der nicht nur manch ein Preislied dem Lenz der Blüten schuf,
Nein, dessen kühne Leier mit dannergleichem Klang
Der Menschheit große Sehnsucht, den Lenz der Völker sang.

Ihm schien die Welt zu dunkel, er schrie nach Himmelslicht;
Gebrochne Knechtschaft war ihm das schönste Traumgesicht;
Den Geist von allen Banden zu lösen, galt ihm groß:
Dann werde sich verklären jedwedes Menschenlos.

O Freiheit, edle Freiheit! In deiner Priesterschar
Stand er, der Besten einer, an deinem Hochaltar;
Und doch: ein leises Mahnen der Wehmut bann' ich nicht,
Versenkt sich meine Seele entzückt in sein Gedicht.

Hold prangend strahlt dein Bildnis, das uns dein Sänger malt!
Ins Leben eingetreten, wie bist du mißgestalt!
In dir erhabnen Geistern ein goldner Morgen tagt;
Mißbraucht von wüster Menge, bist du's, die ihn verjagt!

Und stünde, der dich liebte, heut' an des Berges Rand
Und flöge hin sein Auge, wie einstens übers Land,
Wo sie nun Freiheit haben, wo Haß das Reich zerwühlt,
Wo jeder nur die Sorge der Zukunft bangend fühlt,

Und wo des »letzten Ritters« uralten Kaiserthron
Gespenster bleicher Zwietracht mit finstrem Blick umdroh'n —
Dem Dichteraug' entstürzte dann wohl ein Tränenguß
Und aus enttäuschtem Herzen erklänge herb sein Gruß:

»O Freiheit, edler Seelen Gefährtin wunderbar!
So hat sich schwer vergangen, der dein Verkünder war?
O wehe, daß dein Loblied ich diesem Volk geweiht:
Nicht reif war deinem Segen, nicht reif noch war die Zeit