Wolfgang Madjera

Österreichischer Maskenzug

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1.

Der Minister.

Er tanzt auf hohem Seil; bald schwankt die Stange
Nach rechts und bald nach links in seinen Händen;
So oft sie sinkt, bemüh'n sich wilde, lange,
Geschäft'ge Arme, sie zu dreh'n, zu wenden.

Man fordert stürmisch: Feuer soll er schlingen!
Auf Eiern geh'n! Aus Felsen Wasser schlagen!
Und klagt, wenn ihm die Künste nicht gelingen:
An der Regierung muß man doch verzagen.

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2.

Der Junker Feudalis.

Mit Schwert und Schild auf klapperndem Tier
Kommt er des Weges einhergeschlendert,
Herabgelassen das Visier,
Um nicht zu sehn, wie die Zeit sich ändert.

Er tut, als oh der Sonnenschein
Nur leuchten dürfte noch seinem Gebote;
Er möchte gern ein Grande sein
Und ist doch nur ein Don Quijote.

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3.

Der Pfarrer.

Der Pfarrer predigt in leeren Worten
Vom Himmelreich, von der Hölle Pforten;
Nur wenn er spricht von der Politik,
Da dröhnt seine Stimme, da leuchtet sein Blick.

Indessen steigen die Ströme des Lebens
Und wachsen die Wogen menschlichen Strebens,
Und horcht es nicht bald nach ihnen hin —
Ich fürchte, dann verschlingen sie ihn.

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4.

Der Kapitalist.

Gemälde fehlen in seinen Gemächern,
Weil die Tapeten von Seide sind;
Es wimmelt von Teppichen, Pfühlen und Fächern
Doch nirgends erblickt man ein Bücherspind.

Er liebt vom Ballette die Alten und Jungen
Und geht ins Theater, wenn man dort lacht;
Doch hat für ihn Homer nicht gesungen
Und Schopenhauer für ihn nicht gedacht.

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5.

Der Volksvertreter.

Er redet im Pathos der Überzeugung
Und weiß genau, daß er Lügen spricht.
Er macht der Menge seine Verbeugung
Und speit dem Wehrlosen in's Gesicht.

Der Knüppel ist sein rhetorisches Möbel:
Er schlägt mit ihm die Gesittung tot,
Vertritt das Volk und benimmt sich als Pöbel,
Ein Spiegelfechter und dünkt sich ein Gott.

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6.

Der Arbeiterführer.

Das ist der Volksmann, das Idol der Jugend,
Für den Semite schwärmt und Arier,
Dem niemand Recht besitzt und niemand Tugend,
Als ganz allein der Proletarier.

Er donnert gegen Thron, Altar und Heere
Und alle, die das Volk in Joche bannen:
Allein er selbst, wär's ihm gegönnt, er wäre
Der grausamste Tyrann aller Tyrannen!

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7.

Der kleine Mann.

Der kleine Mann ist nicht sanft gebettet,
Man kann das alle Tage sehn:
Von allen Seiten wird er »gerettet«
Und muß doch dabei zugrundegeh'n.

Der kleine Mann ragt in unsere Tage
Als mittelalterlich Petrefakt;
Der grobe Mann singt ihm die Totenklage,
Der kleinste Mann schlägt dazu den Takt.

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8.

Der Literat.

Rastlos fremde Gedanken sammelnd,
Flügellahm, darum stolpernd und stammelnd,
Stolpern und Stammeln als Kunst erklärend,
Und so als Kritiker heiter sich nährend,

Schönheit verhöhnend, Verschrobenheit preisend,
Was man verlangt, für ein Trinkgeld beweisend,
Ist er von einer Angst nur beklommen:
Daß wahres Talent empor könnte kommen.

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9.

Der Theaterzensor.

Es gibt ein zartes Kleidungsstück
Für einen schwachen Kopf;
Es baumelt schütend im Genick,
Es ist und heißt der »Zopf«.

Falls nicht, was schrieb der Dichtertropf,
Den Stumpfsinn respektiert,
Wischt man darüber mit dem Zopf —
Und Öst'reich ist salviert.

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10.

Der Dichter.

Es kennt ihn fast niemand im ganzen Lande,
Und die ihn kennen, lesen ihn nicht.
Der Dünkel brennt in bengalischem Brande —
Er schmiedet im Winkel Gedicht um Gedicht.

Doch, starb er, entdeckt man nach langem Erwägen:
»Das war ein Dichter, den besten gleich!«
In Deutschland lächelt man überlegen:
»Er stammte ja doch nur aus Österreich!«