Karl Theodor Körner

Die Liebe

(In vier Sonetten.)

1.

Das Kind erwacht an zarten Mutterbrüsten;
   Die Liebe, die im treuen Arm es hält,
   Sie führt es lächelnd in die Welt,
   Eh' sich zum schweren Kampf die Stunden rüsten.
Noch fühlt es nur ein fröhliches Gelüsten,
   Und was sich freundlich ihm entgegenstellt,
   Dem Reich der Liebe wird es beigesellt.
   Tief muß sie in dem zarten Herzen nisten.
Der Knabe schwärmt mit heißerem Gefühle;
   Durch Berg' und Täler treibt ihn sein Gemüte;
   Der neue Morgen bringt ihm neue Lust,
Und jeder Schmetterling ist sein Gespiele,
   Und seine Schwester jede Frühlingsblüte.
   Der Liebe stille Kraft keimt in der Brust.

2.

Kaum ist er jetzt dem Knabensinn entronnen,
   So will er schon die stolze Bahn ersteigen,
   Mit kühner Faust das höchste Ziel erreichen;
   Es schweift der Blick nach unentdeckten Sonnen.
Doch Liebe tritt mit allen ihren Wonnen
   In seine Bahn; die wilden Stürme schweigen;
   Der stolze Sinn muß sich der Anmut beugen;
   In Sehnsucht ist die kühne Kraft zerronnen.
Zur hellen Flamme wird der stillen Funken.
   Nur eins kann ihn verderben und beglücken,
   Und eins nur lichtet seiner Seele Nacht.
Sein Streben ist in ihrem Blick versunken,
   Und in des Herzens seligstem Entzücken
   Entfaltet sich der Liebe heil'ge Pracht.

3.

Doch schwer zum Kampfe rüstet sich die Zeit,
   Und feindlich kommt die Stunde angezogen.
   Da fühlt der Mann, daß ihn der Wahn betrogen,
   Und daß der Wille nicht der Tat gebeut.
Und wie des Meeres Brandung tobt der Streit.
   Umsonst bekämpft er die empörten Wogen.
   Da kommt ihm Liebe hilfreich zugeflogen,
   Reicht ihm die Götterhand; – er ist befreit.
Von ihr in heil'ger Weihe eingesegnet,
   Steht er, der Einzigglückliche der Welt,
   Und glänzend muß die Nacht im Innern tagen.
Von allem, was ihm freundlich hier begegnet,
   Von allem, was der Gott ihm zugesellt,
   Hat Liebe ihm die schönste Frucht getragen.

4.

Geläutert ist der Seele kühnes Streben.
   Es kann die Zeit die innern Kämpfe schlichten;
   Das Herz kann seine Sehnsucht nicht vernichten;
   Die Liebe bannt ihn hoffend noch ans Leben.
Und gern vertraut er ihr mit leisem Beben.
   Denn seines Grabes Dunkel wird sie lichten,
   Und offenbart in göttlichen Gesichten,
   Muß ihn des nahen Morgens Licht umschweben.
Dann steht sie freundlich ihm zu seiner Rechten
   Und segnet seine Tat mit heil'gen Worten,
   Daß nichts den schönen Blick der Hoffnung trübe.
Da schwingt der Geist sich auf aus Erdennächten;
   Der Seraph öffnet ihm die Himmelspforten
   Und ruft ihm jauchzend zu: Gott ist die Liebe!