Karl Theodor Körner

Das warst du

Der Morgen kam auf rosichtem Gefieder
   Und weckte mich aus stiller Ruh;
Da wehte sanft Begeistrung zu mir nieder;
Ein Ideal verklärte meine Lieder,
Und das warst du!

Bald aber warf in heißer Mittagsschwüle
   Die Sonne ihre Glut mir zu;
Da schwoll die Brust im höheren Gefühle;
Mein ganzes Streben flog zu einem Ziele,
Und das warst du!

Doch endlich wehte den durchglühten Fluren
   Der Abend süße Kühlung zu,
Und nur ein Bild in duftigen Konturen
Umschwebte mich auf leisen Geisterspuren,
Und das warst du!

Und aus dem Meere kam die Nacht gestiegen
   Und lockte mich zur süßen Ruh;
Da träumt' ich, hold an süßer Brust zu liegen,
In eines Mädchens Armen mich zu wiegen,
Und das warst du!

Doch ach! das schöne Bild ward mir entrissen;
   Die Welt der Träume schloß sich zu.
O, laß mich wachend jetzt das Glück genießen!
Dann ruf' ich laut, durchglüht von deinen Küssen:
Ja, das warst du!