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Das Gedicht „Der Lindenbaum“ stammt aus der Feder von Wilhelm Müller.

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde
So manches liebe Wort;
Es zog in Freud und Leide
Zu ihm mich immer fort.

Ich mußt’ auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht,
Da hab ich noch im Dunkel
Die Augen zugemacht.

Und seine Zweige rauschten,
Als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle,
Hier findst Du Deine Ruh!

Die kalten Winde bliesen
Mir grad’ in’s Angesicht;
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Nun bin ich manche Stunde
Entfernt von jenem Ort,
Und immer hör’ ich’s rauschen:
Du fändest Ruhe dort!

Analyse

Das Gedicht folgt einem strengen Muster ohne jegliche Variation: 6 Strophen als Vierzeiler mit gebrochenem Reim (Reimschema abcb). Die Zeilen enden abwechselnd auf einer betonten oder unbetonten Silbe. Ein durchgängiges auftaktiges Metrum ist dem Text unterlegt: Jamben mit jeweils 3 Hebungen.

Dieses Muster wird in der deutschen Literatur als Volksliedstrophe bezeichnet. Volkslieder wiederum folgen überhaupt keiner festen Form. In der berühmten Volksliedsammlung "Des Knaben Wunderhorn" (1808; von Clemens Brentano & Achim von Arnim kuratiert) findet sich zum Beispiel eine bunte Palette von variabel eingesetzten Metren, Reimschemata und Strophenformen.
Dennoch war die Form der Volksliedstrophe bei den Romantikern sehr beliebt und hatte sich bereits als volksliedhafte Gedichtform etabliert, die leicht zu singen war und Einfachheit suggerierte. Dies zeigt sich bereits in Eichendorffs 10 Jahre älterem Gedicht Das zerbrochene Ringlein", zu dem der Beginn des Lindenbaums eine deutliche Verwandtschaft aufweist.

Hintergrund

Fast alle Gedichte der Winterreise unterliegen einer ähnlichen Struktur in Form und Metrum. Die ruhige Kadenz der Verse, die dadurch entsteht, bleibt von den dunklen Themen und Stimmungen des Zyklus nahezu unberührt. Dieser Kontrast zwischen der ruhigen Gangart der Sprache und ihrem beunruhigenden Inhalt verleiht den Gedichten eine erschreckende und befremdliche Stimmung.

Franz Schubert vertonte den gesamten Gedichtzyklus unter dem Titel Winterreise und in diesem Rahmen auch den Lindenbaum als Kunstlied. In der bekanntesten und populärsten Bearbeitung der Schubertschen Vertonung von Friedrich Silcher ist das Werk zum Volkslied geworden.

Müllers Text der Winterreise erschien 1823 in der seit 1822 verbotenen Literaturzeitschrift Urania, wobei ausgerechnet ein Text Müllers Anlass für das Verbot gewesen war. Schubert war selbst politisch nicht aktiv, hatte aber enge Kontakte zu Kreisen der intellektuellen Opposition.

Inhalt / Zusammenfassung

Die ersten beiden Strophen beschreiben mit den Elementen Brunnen, Tor und Lindenbaum klassische Bestandteile eines Locus amoenus (lateinisch für ‚lieblicher Ort‘). Ihm folgt eine Reihe durchaus konventioneller Bilder (süßer Traum, liebes Wort, Freud und Leid), die ans Klischee grenzen und eine vergangene glückliche Zeit an diesem Ort evozieren.

Mit der dritten Strophe wechselt nicht nur die zeitliche Einordnung, sondern auch die Stimmung abrupt. Die statische Idylle wird durch die rastlose, erzwungene Bewegung des lyrischen Ichs kontrastiert, die am Lindenbaum vorbeiführt.

Die vierte und fünfte Strophe beschreibt erstmals eine bewusste Handlung des lyrischen Ich: Es widersteht dem Lockruf des Baumes und entscheidet sich für das schutzlose Weiterwandern.

Die sechste Strophe enthält einen Rückblick des Ichs, der in der erzählten Gegenwart steht („nun“). Sie greift auch erneut das Moment der Zeitlosigkeit („immer“) auf, das die ersten beiden Strophen prägte, und ebenso die Anrede der Lindenbaum-Zweige aus Strophe 4, die nun jedoch im Irrealis steht („fändest“).

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