GedichteGedichte

Das Gedicht „Frühling“ stammt aus der Feder von Arno Holz.

Empfangt mich, heilige Schatten, ihr Wohnungen süßer Entzückung,
Ihr hohen Gewölbe voll Laub und Dunkel schlafender Lüste,
Die ihr oft einsamen Dichtern der Zukunft Vorhang zerrissen, Oft ihnen des heitern Olymps azurne Tore geöffnet.
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Gestreckt im Schatten will ich in goldne Saiten die Freude,
Die in euch wohnet, besingen! – Reizt und begeistert die Sinnen!
Dass meine Töne die Gegend wie Zephyrs Lispeln erfüllen,
Der jetzt durchs Veilchenthal fleucht, und wie die riefelnden Bäche!
Ewald Chr. v. Kleist

Wohl haben sie dich alle schon besungen
Und singen dich noch immer an, o Lenz,
Doch da dein Zauber nun auch mich bezwungen,
Meld ich mich auch zur großen Konkurrenz.
Doch fürcht ich fast, ich bin dir zu prosaisch,
Aus meinen Versen sprüht kein Fünkchen Geist;
Und denk ich gar an deinen Dichter Kleist,
Klingt meine Sprache mir fast wie Havaïsch.

Kein Veilchenduft versetzt mich in Extase,
Denn ach, ich bin ein Epigone nur;
Nie trank ich Wein aus einem Wasserglase
Und nüchtern bin ich bis zur Unnatur.
Der Tonfall meiner lyrischen Kollegen
Ist mir ein unverstandner Dialekt,
Denn meinen Reim hat die Kultur beleckt
Und meine Muse wallt auf andern Wegen.


Ins Waldversteck verirrt sie sich nur selten,
Die blaue Blume ist ihr längst verblüht;
Doch zieht die Ahnung neugeborner Welten
Ihr süßer als ein Märchen durchs Gemüt.
Zur Armut tritt sie hin und zählt die Groschen,
Ihr rotes Banner pflanzt sie in den Streit,
An ihr Herz schlägt das grosse Herz der Zeit
Und aller Weltschmerz scheint ihr abgedroschen.

Doch heute singt sie, was ihr längst verboten,
Mir scheint, dein Lächeln hat sie mir behext,
Und unter deine altbekannten Noten
Schreibt sie begeistert einen neuen Text.
Die Flur ergrünt und bläulich blüht der Flieder,
Ich aber leire meine Lenzmusik
Und lachend schon vernehm ich die Kritik:
Das denkt und singt ja wie ein Seifensieder!


Schon blökt ins Feld die erste Hammelherde,
Der Hof hielt seine letzte Soiree,
Und grasgrün überdeckt die alte Erde
Kokett ihr weisses Winternegligee.
Der Wald rauscht wieder seine Lenzgeschichten
Und mir im Schädel rasselt kreuz und quer
Ein ganzer Rattenkönig von Gedichten,
Ein Reim- und Rythmenungetüm umher.

Wie Gold in meine ärmliche Mansarde
Durchs offne Fenster fällt der Sonnenschein,
Und graubefrackt lärmt eine Spatzengarde:
Ich schnitt es gern in alle Rinden ein!
Die Luft weht lau und eine Linde spreitet
Grün übers Dach ihr junges Laubpanier,
Und vor mir auf dem Tisch liegt ausgebreitet
Fein säuberlich ein Bogen Schreibpapier.


O lang ist's her,
dass mir's im Hirne blitzte!
Im Winterschnee erfror die Phantasie;
Erst heute war's, dass ich den Bleistift spitzte,
Erst heut in dieser Frühlingsszenerie.
Weh, mein Talent versickert schon im Sande,
Des eitlen Nichtstuns bin ich endlich satt;
Drum da ich ihn noch nie sah auf dem Lande,
Besing ich nun den Frühling in der Stadt.

Denn nicht am Waldrand bin ich aufgewachsen
Und kein Naturkind gab mir das Geleit,
Ich seh die Welt sich drehn um ihre Achsen
Als Kind der Großstadt und der neuen Zeit.
Tagaus, tagein umrollt vom Qualm der Essen,
War's oft mein Herz, das laut auf schlug und schrie,
Und dennoch, dennoch hab ich nie vergessen
Das goldne Wort: Auch dies ist Poesie!

O wie so anders, als die Herren singen,
Stellt sich der Lenz hier in der Grossstadt ein,
Er weiss sich auch noch anders zu verdingen,
Als nur als Vogelsang und Vollmondschein.
Er heult als Südwind um die morschen Dächer
Und wimmert wie ein kranker Komödiant,
Bis licht die Sonne ihren goldnen Fächer
Durch Wolken lächelnd auseinander spannt.


Und Frühling! Frühling! schallt's aus allen Kehlen,
Der Bettler hört's und weint des Nachts am Quai;
Ein süsser Schauer rinnt durch alle Seelen
Und durch die Strassen der geschmolzne Schnee.
Die Damen tragen wieder lange Schleppen,
Zum Schneider eilt nun, wer sich's »leisten« kann,
Die Kinder spielen lärmend auf den Treppen
Und auf den Höfen – singt der Leiermann.

Schon legt der Bäcker sich auf Osterkringel
Und seine Fenster putzt der Photograph,
Der blaue Milchmann mit der gelben Klingel
Stört uns tagtäglich nun den Morgenschlaf.
Mit Kupfern illustriert die Frauenzeitung
Die neusten Frühjahrsmoden aus Paris,
Ihr Feuilleton bringt zur Geschmacksverbreitung
Den neusten Schundroman von Dumas fils.

Es tritt der Strohhut und der Sonnenknicker
Nun wieder in sein angestammtes Recht
Und kokettierend mit dem Nasenzwicker
Durchstreift den Park der Promenadenhecht.
Das ist so recht die Schmachtzeit für Blondinen
Und ach, so mancher wird das Herzlein schwer,
Ein Duft von Veilchen und von Apfelsinen
Schwingt wie ein Traum sich übers Häusermeer.


Am Arm das Körbchen mit den weissen Glöckchen,
Das blonde Haar zerweht vom Frühlingswind,
Lehnt bleich und zitternd im verschossnen Röckchen
Am Prunkpalast das Proletarierkind.
Geschminkte Dämchen und gezierte Stutzer,
Doch niemand, der ihm schenkt ein freundlich Wort;
Und naht sich Abends der Laternenputzer,
Dann schleicht es weinend sich ins Dunkel fort.

Verfolgt vom blutgen Schwarm der Manichäer,
Umirrt nun Bruder Studio wie gehetzt;
Bis er sich endlich rettet zum Hebräer
Und seinen Winterpaletot versetzt.
Der Hypochonder sinnt auf Frühjahrskuren
Und wettert auf die Stickluft der Salons,
Der Italiano formt sich Gypsfiguren
Und zieht vors Thor mit seinen Luftballons.

Nun geht die Welt kopfüber und kopfunter,
Auf Sommerwohnung zieht schon der Rentier,
Die Anschlagssäulen werden immer bunter
Und nächtlich wimmert oft das Portemonnaie.
Der Schornsteinfeger klettert auf die Leiter
Und grinst uns an als Vogelperspecteur,
Vor Klingeln kommt die Pferdebahn nicht weiter
Und Alles brüllt: He, schneller, Conducteur!


Das Militär wirft sich in Drillichhosen
Und übt sich schwitzend im Paradeschritt,
Als ging's kopfüber gegen die Franzosen,
Und krampfhaft schleppt es die Tornister mit.
Und blitzt der Exercierplatz dann exotisch
Wie ein gemaltes Farbenmosaik,
Dann wird die Schusterjugend patriotisch
Und lautauf spielt die Regimentsmusik.

Schon dampft der Kaffee hie und da im Garten,
Der Schoßhund bellt, er kreischt der Papagei,
Papa studiert die kolorirten Karten
Von Zoppot, Heringsdorf und Norderney.
In den geschlossenen Theatern trauern
Die weichen Polstersitze des Parquets
Und rote Zettel predgen an den Mauern
Die goldne Aera der Retourbillets.

An eine Spritztour denkt manch armer Schlucker,
Doch dreht sie leider sich ums Wörtchen »wenn«;
Am gelben Gurt den schwarzen Operngucker,
Stelzt durchs Museum nun der Englishman.
Die Provinzialen aber schneiden Fratzen,
Dank ihrer anerzognen Prüderie,
Und unbemerkt nur schleichen sie wie Katzen
Um unsre liebe Frau von Medici.


Doch drauss vorm Stadtthor rauscht es in den Bäumen,
Dort tummelt sich die fashionable Welt,
Und junge Dichter wandeln dort und träumen
Von ewgem Ruhm, Unsterblichkeit – und Geld.
Rings um die wieder weissen Marmormäler
Spielt laut ein Kinderschwarm nun Blindekuh
Und heimlich gibt der Backfisch dem Pennäler
Am Goldfischteich das erste Rendevous.

Und macht die Nacht dann ihre stille Runde
Und blitzt es licht durchs dunkle Firmament,
Dann ist's dieselbe Lenznacht, die zur Stunde
Sich lagert um den Busen von Sorrent!
Dann ist's derselbe Mond, der rings das Pflaster
Sacht überdeckt mit seinem goldnen Vliess,
Den vor Jahrtausenden schon Zoroaster
Als ewgen Herold aller Lenze pries!

O Frühling! Frühling, dem die Welt entlodert,
Du führst im Schild ein Röslein ohne Dorn;
Dass uns das Herz nicht ganz vermorscht und modert,
Stösst du noch immer in dein Wunderhorn.
Noch immer lässt du deine Nachtigallen
Ins Frührot schlagen, wie zur Zeit Homers,
Und hebst empor die Engel, die gefallen,
Die kranken Söhne Fausts und Ahasvers.


Ob du vor Zeiten einst als junge Sonne
Glorreich emporstiegst über Salamis,
Indes Diogenes in seiner Tonne
Sich philosophisch in die Nägel biss;
Und ob dir heute noch im fernsten Norden
Ein Opfer bringt der fromme Eskimo,
Wie weiland an des Südmeers blauen Borden
Der alte Mythenkönig Pharao:

Du bist und bleibst der einzig wahre Heiland,
Dein schöner Wahlspruch jauchzt: »Empor! Empor!«
Was soll uns noch ein waldumrauschtes Eiland?
Du wandelst um den Stadtwall auch durchs Thor!
Du bist nicht scheu wie deine Waldgespenster,
Du setzt auch in die Grossstadt deinen Fuss
Und wehst tagtäglich durch das offne Fenster
Mir in das Stübchen deinen Morgengruss.

Und jetzt, wo schon der Abend seine Lichter
Rotgolden über alle Dächer strahlt,
Krönst du mich lächelnd nun zu deinem Dichter
Und hast mir rhythmisch das Papier bemalt.
Ich aber gebe dieses Blatt den Winden,
Die Fangball spielen um den Kirchthurmknauf,
Und wenn's noch heut die Strassenkehrer finden,
Was kümmert's mich? Flieg auf, mein Lied, flieg auf!


Doch fällst du einem schönen Kind zu Füssen,
Das dich errötend in den Busen steckt,
Dann sprich zu ihm: »Der Frühling lässt dich grüssen!«
Bis sie mit Küssen das Papier bedeckt.
Doch hascht ein Graukopf dich auf deinen Bahnen,
So ein vergilbter Langohr-Recensent,
Dann sprich zu ihm: »Respect vor meinen Ahnen!
Mein Urtext steht im Sanskrit und im Zend!«

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