Johann Gabriel Seidl

Am Geburtstage meines Kindes

Es war an diesem Tage,
Wo mir mit Schmerz und Klage
Mein Weib dies Kind gebar!
Wie leicht, trotz aller Liebe,
Daß nur die Mutter bliebe,
Bracht' ich's zum Opfer dar.
Du hast das Kind gegeben,
Und nahmst die Mutter nicht:
Du gabst ihm, Herr, das Leben
O gib ihm auch das Licht!

Wir pflegten's unter Sorgen,
Es wuchs von Dir geborgen,
Ein fröhlich' Bäumchen, auf;
Und in der Krankheit Tagen,
Und wenn wir schlummernd lagen,
Sah mild Dein Auge drauf!
Oft küßten wir's mit Beben,
Als wär's für lange nicht:
Du gabst ihm, Herr, das Leben,
O gib ihm auch das Licht!

Nun ist's ein muntrer Junge,
Der Hand und Fuß und Zunge
Schon frisch und fröhlich rührt,
Und auch im kleinen Herzen
Von Freuden und von Schmerzen
Schon mehr als Ahnung spürt;
Es ist der Blüte Streben,
Die ihr Gehäus zerbricht! —
Du gabst ihm, Herr, das Leben,
O gib ihm auch das Licht!

Laß sich sein Herz gestalten,
Sich seinen Sinn entfalten
Zu Deinem Ruhm und Preis,
Daß, er nicht einst vergebens
Hinwelk' am Baum des Lebens,
Wie ein verkümmert Reis.
Die Tugend sei sein Streben,
Sein Anker sei die Pflicht! —
Du gabst ihm, Herr, das Leben,
O gib ihm auch das Licht!

So laß ihn uns zur Freude,
So, Herr, zum Trost im Leide,
Im Alter uns zum Stab!
Die Hoffnung, einst ihn droben
Zu seh'n, von Dir erhoben,
Begleit' uns in das Grab!
Dir bleib' er übergeben,
Verlaß ihn, Vater, nicht:
Du gabst ihm ja das Leben,
O gib ihm auch das Licht!