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Das Gedicht „Der Gott der Stadt“ stammt aus der Feder von Georg Heym.

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knieen um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt.

Analyse

Das Gedicht "Der Gott der Stadt" (1910; Epoche des Expressionismus) besteht aus 5 Strophen mit je 4 Versen in einem Wechselreim (abab). Das Metrum ist ein regelmäßiger fünfhebiger Jambus mit Ausnahme von Vers 10.
Auffällig ist das Übergreifen der Sätze in den nächsten Vers (Enjambement) in den jeweils letzten 2 Versen aller Strophen, bis auf Strophe 5.
Die äußere Form ist ansonsten sehr strikt gehalten, so dass sie - wie häufig in expressionistischen Gedichten - den dynamischen Inhalt kontrastiert.

Inhalt / Zusammenfassung

Das Gedicht handelt von dem Gott Baal, der als Herrscher über die - in düsteren Farben gezeichnete - Stadt agiert. Er kontrolliert sowohl die Menschen, das Wetter als auch die industrialisierte Stadt selbst. Im letzten Vers lässt er seinen Zorn an den Stadtbewohnern aus und setzt Straßen in Brand.

Hintergrund

Korybanten sind in der griechischen Mythologie Vegetationsdämonen und orgiastische Ritualtänzer, die die große Göttermutter Kybele begleiten.

Baal (hebräisch: בעל = Herr, Meister, Besitzer, Ehemann, König oder Gott) ist im historischen Christentum ein Dämon. Ursprünglich bezeichnete Baal einen in Syrien verehrten kanaanäischen Wetter- und Fruchtbarkeitsgott namens Ba’al.

Siehe auch: Städter von Alfred Wolfenstein und Ich will heraus aus dieser Stadt von Gerrit Engelke.

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